Als es dem roten Auto zu bunt wurde... (19)
Vater war immer gut gewesen zu seinem roten Auto, und dafür lief es auch wie am Schnürchen.
Es durfte allerdings nie ein böses Wort gegen das Auto gesagt werden, so wie etwa: "Es fuhr schon mal besser" oder "Naja, es wird schon wirklich langsam alt" oder gar "Die Neuen haben einen besseren Motor". Dann nämlich rächte sich das Auto, und zwar auf der Stelle.
Zum Beispiel hatten Vater und Mutter einmal vor einem Autogeschäft gestanden und sich neue Autos angeschaut. Vater sagte dabei: "Vielleicht sollte unser nächstes Auto doch lieber ein Jeep sein, die bleiben nie stecken und halten ewig."
Auf dem Nachhauseweg kriegte Vater dann den Motor nicht mehr aus dem 1. Gang heraus, so sehr er auch am Ganghebel rüttelte, und sie konnten nur sehr langsam vom Fleck kommen und mußten auf stillen Seitenwegen vorsichtig nach Hause schleichen.
Ein andermal, nachts, als es bergauf nicht so flott ging, wie Vater wünschte, murrte er und sagte: "Diese verdammte Karre schafft doch nicht mal mehr den kleinsten Berg." Prompt ging der rechte Scheinwerfer aus.
Obwohl Vater natürlich stets auf freundliche Worte bedacht war, ging ihm manchmal doch ein häßlicher Gedanke durch den Kopf. So wie neulich auf der Autobahn, als ihm ein sehr altes verbeultes Auto entgegenkam und Vater grinsend dachte: "Wenn meines erst mal so aussieht, dann - dann nenne ich es STRAßENSCHRECK!" Kaum gedacht, da platzte ganz plötzlich der linke Vorderreifen, und Vater hatte Mühe, nicht zu verunglücken.
Geduldig brachte er das Auto immer wieder in Ordnung; er ließ sich doch nicht von einem roten Auto einschüchtern.
Es hatte inzwischen 13 Jahre auf dem Buckel und ein rostige Stelle unter der Batterie; einige Reparaturen waren überstanden und die Hinterklappe neu, aber nicht rot. Schön war es nicht mehr.
Und deswegen durften die Kinder es nun mit Blümchen und kecken Pferdchen und Jünglingen mit gelben Haaren bemalen, die auf Schaumkronen gewaltiger Wellen dahinsausten. Das Wort "Beatles" erschien in silbernen Buchstaben, mit drei gebrochenen rosa Herzen verziert.
DA WURDE ES DEM ROTEN AUTO ZU BUNT!
Das Wochenende kam, draußen auf dem Lande, wo sie wieder ein bißchen am Haus bauten, und der Abend kam, an dem sie mit Nachbars zum Rollschuhlaufen fuhren. Vater und Mutter schauten nur zu und gegen Ende der Stunde sagte Mutter: "Mir wird jetzt sehr kalt, laß uns ins Auto gehen."
"Hast recht,“ sagte Vater, und so machten sie es sich im Auto gemütlich, ohne den Eingang des Rollschuhstadiums aus den Augen zu lassen.
Plötzlich stieß Vater gequält hervor: "Wenn du wüßtest, wie dringend ich muß!" "Na dann geh doch eben hinter’s Auto.“ "Aber da sehen mich vielleicht Leute." "Tu so, als ob du etwas am Reifen untersuchen mußt." Vater befolgte Mutters Rat und bald darauf kamen auch die Kinder fröhlich angehüpft und verteilten sich kichernd auf beide Autos.
Sie waren schon fast zu Hause angelangt, als ein blubberndes Geräusch alle aufhorchen ließ. Dann war Stille, vollkommene Stille. Am nächtlichen Himmel funkelten tausend Sterne, während Nachbars Rücklichter gerade um eine Kurve verschwanden.
Vater stieg aus. "Irgendetwas ist völlig hin", hörte man ihn sagen. Inzwischen war Jim zurückgekommen, und bald darauf rollte das rote Auto weiter - von einem dicken Seil abgeschleppt.
"Ich hätte nicht ans Rad pinkeln sollen," jammerte Vater. Mutter schaute ihn bedeutsam an.
Mit einem Leihwagen ging es zurück in die Stadt, wo sich Vater und Mutter ausgiebig nach neuen Autos umschauten. Sie ließen kein Autogeschäft aus und haben sogar schon eine Probefahrt gemacht. Wenn das rote Auto das wüßte!
Und erst die Gesprächsfetzen, die seit Tagen an die Ohren der Kinder dringen: „Die Blechkiste ist ja schrottreif! Taugt höchstens noch, um Marco Fahrstunden zu geben." „Na, so schlecht ist sie nun auch wieder nicht.“
Vater braucht noch ein bißchen mehr Erholung, bevor er sich auf ein Wiedersehen mit dem roten Auto freuen kann.
Das erste Ersatzteil hat er jedenfalls schon gekauft...
© 1985-2011 Bianca Hüsch