Lose Blätter
Saturday, February 04, 2006
  Der Rasen (20)
Als es das Pferd nicht mehr gab, konnte das Gras soviel wachsen, wie es wollte; nichts fraß es mehr ab. Der Vater meinte, das Gras würde lang sehr schön und auch ganz natürlich sein. Die Mutter mußte zugeben, dass es angenehm sein würde, mit nackten Füßen im weichen Gras zu gehen, aber was würde im Sommer sein? „Mach' dir keine Sorgen,“ sagte der Vater, „auch im Sommer wird es nicht gut wachsen.“

Der Frühling kam und die Wiese wurde ein samtener grüner Teppich. Als die Tage länger wurden und die Hitze zunahm, schickte das Gras lange Stengel mit winzigen Blüten aus, die an den Knöcheln kitzelten. Noch ein paar Wochen, und sie kratzten mit ihren trockenen Ähren an den Waden. Die Mutter dachte, daß es jetzt höchste Zeit für den Rasenmäher würde, bevor sich die Grassämchen über die Gemüsebeete ausschütteten.

Der Rasenmäher rollte über die Wiese, aber die zu derben Schnüren vertrockneten Stengel wichen aus und liessen sich nicht abschneiden. Im besten Fall wickelten sie sich um die Achse, was das Schieben des Rasenmähers sehr erschwerte.

„Das muß man ganz anders machen,“ sagte der Vater. „Laß mich mal meine Sense holen.“

Die alte Sense wurde entrostet und geschärft, Vater stieg in seinen Arbeitsanzug, setzte die Schutzbrille auf und den Helm mit Moskitonetz, streifte zuletzt seine Lederhandschuhe über und machte sich an die Arbeit.

Er holte mit Schwung aus, und langes Gras flog durch die Luft. Nach einer Stunde sagte er zu Mutter: „Siehst du, ganz einfach. Wenn man den Bogen einmal 'raus hat, ist es ein Kinderspiel – und so leise.“ „Du kannst ein Foto von mir machen,“ sagte er etwas außer Atem, wobei er sich auf die Sense stützte, die er mit zwei Fingern lässig festhielt. „Für die Zeitung. Damit man mal sieht, wie man's früher gemacht hat“. Mit stolz geschwellter Brust betrachtete er die Schneise, die er ins grasige Gebüsch geschlagen hatte. „Dann mußt du aber den Helm und die Brille absetzen, sonst erkennt man dich ja nicht.“ „Meinst du? Na, ein andermal.“

Jeden Tag mähte Vater, bis er vor Schweiß nicht mehr durch die Brille sehen konnte, und Mutter rechte das Heu zusammen und häufte es um die Obstbäume. Die Wiese bestand nur noch aus Stoppeln, die in die Fußsohlen stachen. Der Mutter kam dabei das Dorf ihrer Kindheit in den Sinn, wo alles so natürlich war.

Das Gras fing bald von neuem an zu wachsen, aber diesmal ratterte Mutter mit dem Rasenmäher über die Wiese, bevor es sich zu einer neuen Tracht Samen aufschwingen konnte, und nachdem Vater sich beim Wetzen der Sense in den Finger geschnitten hatte und der Wetzstein sich danach stundenlang versteckt hielt, griff auch er zum Rasenmäher.

Das Gras wuchs und wuchs, aus Hälmchen wurden Stengel und dann Stiele und dann Schnüre. Kaum war der Rasen auf der einen Seite kurz, mußte man schon wieder zur anderen Seite hetzen, und es kamen ihnen Zweifel, ob sie die Arbeit schaffen würden. Beim nächsten Einkauf in der Stadt erkundigten sie sich nach motorisierten Rasenmähern. „Wie laut sind sie,“ war ständig Mutters erste Frage, und man schaute sie immer äußerst verwundert an. Solche Fragen wurden sonst nicht gestellt.

Sie teilten sich die Wiese und den Rasenmäher, aber weil Vater schlecht aufhören konnte, wenn er einmal so richtig in Fahrt war, und es ihm sichtlich Spaß machte, aus dem Stoppelfeld eine sanfte Wiese zu zaubern, wurde ein zweiter Handrasenmäher angeschafft, damit jeder nach seiner Art mähen konnte: Der Vater ab und zu, aber dann unermüdlich, die Mutter hie und da ein bißchen - nicht genug, denn schon bald reckten sich lange Stengelchen empor, an denen feine Samen schaukelten. Der Mutter kamen sie wie lauter winkende Händchen vor, die ihr zuriefen: „Mäh' mich – nein, mich!“.

Der Vater sah's sich an und fragte: „Sense?“ „Oh ja, bitte,“ rief die Mutter und rannte ins Haus. „Ich hol' auch den Fotoapparat.“ „Ach, laß nur,“ sagte der Vater und griff sich die Sense. Wenig später mähte die Mutter mühelos ihren Teil der Wiese und dachte:“ Geht eigentlich ganz gut.“ Trotzdem freute sie sich zum erstenmal in ihrem Leben auf den Winter – wenn das Gras endlich anhalten würde.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Als es dem roten Auto zu bunt wurde... (19)
Vater war immer gut gewesen zu seinem roten Auto, und dafür lief es auch wie am Schnürchen.

Es durfte allerdings nie ein böses Wort gegen das Auto gesagt werden, so wie etwa: "Es fuhr schon mal besser" oder "Naja, es wird schon wirklich langsam alt" oder gar "Die Neuen haben einen besseren Motor". Dann nämlich rächte sich das Auto, und zwar auf der Stelle.

Zum Beispiel hatten Vater und Mutter einmal vor einem Autogeschäft gestanden und sich neue Autos angeschaut. Vater sagte dabei: "Vielleicht sollte unser nächstes Auto doch lieber ein Jeep sein, die bleiben nie stecken und halten ewig."

Auf dem Nachhauseweg kriegte Vater dann den Motor nicht mehr aus dem 1. Gang heraus, so sehr er auch am Ganghebel rüttelte, und sie konnten nur sehr langsam vom Fleck kommen und mußten auf stillen Seitenwegen vorsichtig nach Hause schleichen.

Ein andermal, nachts, als es bergauf nicht so flott ging, wie Vater wünschte, murrte er und sagte: "Diese verdammte Karre schafft doch nicht mal mehr den kleinsten Berg." Prompt ging der rechte Scheinwerfer aus.

Obwohl Vater natürlich stets auf freundliche Worte bedacht war, ging ihm manchmal doch ein häßlicher Gedanke durch den Kopf. So wie neulich auf der Autobahn, als ihm ein sehr altes verbeultes Auto entgegenkam und Vater grinsend dachte: "Wenn meines erst mal so aussieht, dann - dann nenne ich es STRAßENSCHRECK!" Kaum gedacht, da platzte ganz plötzlich der linke Vorderreifen, und Vater hatte Mühe, nicht zu verunglücken.

Geduldig brachte er das Auto immer wieder in Ordnung; er ließ sich doch nicht von einem roten Auto einschüchtern.

Es hatte inzwischen 13 Jahre auf dem Buckel und ein rostige Stelle unter der Batterie; einige Reparaturen waren überstanden und die Hinterklappe neu, aber nicht rot. Schön war es nicht mehr.

Und deswegen durften die Kinder es nun mit Blümchen und kecken Pferdchen und Jünglingen mit gelben Haaren bemalen, die auf Schaumkronen gewaltiger Wellen dahinsausten. Das Wort "Beatles" erschien in silbernen Buchstaben, mit drei gebrochenen rosa Herzen verziert.

DA WURDE ES DEM ROTEN AUTO ZU BUNT!

Das Wochenende kam, draußen auf dem Lande, wo sie wieder ein bißchen am Haus bauten, und der Abend kam, an dem sie mit Nachbars zum Rollschuhlaufen fuhren. Vater und Mutter schauten nur zu und gegen Ende der Stunde sagte Mutter: "Mir wird jetzt sehr kalt, laß uns ins Auto gehen."

"Hast recht,“ sagte Vater, und so machten sie es sich im Auto gemütlich, ohne den Eingang des Rollschuhstadiums aus den Augen zu lassen.

Plötzlich stieß Vater gequält hervor: "Wenn du wüßtest, wie dringend ich muß!" "Na dann geh doch eben hinter’s Auto.“ "Aber da sehen mich vielleicht Leute." "Tu so, als ob du etwas am Reifen untersuchen mußt." Vater befolgte Mutters Rat und bald darauf kamen auch die Kinder fröhlich angehüpft und verteilten sich kichernd auf beide Autos.

Sie waren schon fast zu Hause angelangt, als ein blubberndes Geräusch alle aufhorchen ließ. Dann war Stille, vollkommene Stille. Am nächtlichen Himmel funkelten tausend Sterne, während Nachbars Rücklichter gerade um eine Kurve verschwanden.

Vater stieg aus. "Irgendetwas ist völlig hin", hörte man ihn sagen. Inzwischen war Jim zurückgekommen, und bald darauf rollte das rote Auto weiter - von einem dicken Seil abgeschleppt.

"Ich hätte nicht ans Rad pinkeln sollen," jammerte Vater. Mutter schaute ihn bedeutsam an.

Mit einem Leihwagen ging es zurück in die Stadt, wo sich Vater und Mutter ausgiebig nach neuen Autos umschauten. Sie ließen kein Autogeschäft aus und haben sogar schon eine Probefahrt gemacht. Wenn das rote Auto das wüßte!

Und erst die Gesprächsfetzen, die seit Tagen an die Ohren der Kinder dringen: „Die Blechkiste ist ja schrottreif! Taugt höchstens noch, um Marco Fahrstunden zu geben." „Na, so schlecht ist sie nun auch wieder nicht.“

Vater braucht noch ein bißchen mehr Erholung, bevor er sich auf ein Wiedersehen mit dem roten Auto freuen kann.

Das erste Ersatzteil hat er jedenfalls schon gekauft...

© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Die Vogelscheuche (18)
Im Garten stand neuerdings eine Vogelscheuche. Sie sollte die Vögel von den Tomaten abhalten, und wenn der Wind wehte und ihr weites Kleid zu einem Ballon aufblähte, dazu der große Schlapphut lebhaft nickte, fühlten sich die Vögel eingeschüchtert und flogen weg.

Das Kleid stammte aus dem Sack, in den die Mutter jene Anziehsachen stopfte, die nicht mehr schön waren oder etwa Loecher hatten. Vielleicht würde sich eines Tages eine bunte Tischdecke oder ein Kissenbezug herstellen lassen.

Jeden Tag nun, wenn die Mutter am Garten vorbeiging, fiel ihr Blick auf die Vogelscheuche, und sie dachte, wie schmuck sie aussah. Wenn die Sonne auf das Kleid strahlte, hoben sich die vielen winzigen lila Blümchen von dem hellblauen Gewebe ab und glitzerten, und das seidige Band, mit dem die Mutter die Weite des Kleides zusammengefaßt hatte, schimmerte.

"Woher hast Du denn dieses schöne Kleid", bemerkte der Vater verwundert. “Ooch, ich hatte es doch letztes Jahr an, aber es stand mir nicht," sagte die Mutter.

Als sie jedoch wieder einmal am Garten vorbeiging und die Vogelscheuche betrachtete, fand sie das Kleid auch schön, sogar entzückend - mit seinen Rüschen und tausend Fältchen; es hätte mir eigentlich stehen müssen, dachte die Mutter; viel zu gut für eine alte Vogelscheuche. Mit einer schnellen Handbewegung riß sie der Vogelscheuche das Kleid über den Kopf, so daß nur noch der schiefe Besenstiel mit dem verrutschten Schlapphut übrigblieb, während das Kleid, in ein kleines Häufchen Blau versunken in einer Ecke im Haus zu liegen kam.

Ein paar Wochen vergingen. Ein kleiner Vogel stieß sich an der spiegelnden Fensterscheibe den Kopf und mußte sich einen Moment auf dem Fensterbrett ausruhen. Er erkannte den zarten blauen Stoff mit den lila Blümchen, und stieß einen spitzen Schrei aus. Oh, jubelte er, was bist Du fûr eine schöne Gardine geworden. Die Gardine zitterte heftig und zappelte, als hätte sie sich verschluckt, und bauschte sich auf.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Meggie (17)
Schon im letzten Frühling war ihnen die junge Elster aufgefallen. Sie pflegte sich auf einem Zaunpfahl niederzulassen und Vater und Mutter beim Frühstücken zuzuschauen. Das Frühstück fand immer im Garten statt, gleich hinter der Hecke, wo kein Wind den Kaffee abkühlen konnte.

Inzwischen war die Elster, "Meggie" genannt, so zutraulich geworden, daß sie sich von Pfahl zu Pfahl schwang, bis sie den allernächsten erreicht hatte, auf dem sie dann als schwarzglänzendes Wesen mit goldgelb leuchtenden Augen und säbelförmigem Schnabel regungslos verharrte.

Mutter kamen Piratengeschichten in den Sinn und sie beeilte sich, von ihrem Brot ein Stückchen abzuzweigen. Meggie starrte eine gute Weile auf die vor sie hingeworfene Gabe, stürzte sich endlich darauf und floh mit weit ausholenden Flügelschlägen, daß man's surren hörte.

"Sie kann heute nicht genug kriegen", rief Vater aus, als Meggie neulich versuchte, gleich zwei Brocken in den Schnabel zu kriegen. Kaum hatte sie den ersten verstaut und machte sich über den zweiten her, kullerte der erste wieder heraus. Schnappte sie sich jedoch alle zwei auf einmal, so verlor sie gleich wieder die Hälfte von beiden. Schließlich schluckte sie den einen hinunter und trug den zweiten davon. "So ist's besser, Meggie", lobte Vater.

Vater und Mutter folgten ihr mit den Augen, wie sie geradewegs auf einen hohen Baum zuflog, in dessen Geäst noch eine Elster, größer als Meggie, saß.

Meggie hüpfte zu ihr hin und reichte ihr das mitgebrachte Brotstückchen. Die große Elster fraß es, und beide Vögel verschwanden im Wald.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Etzel - Ade (16)
Am Mittag zerfleischte er wie üblich ein Lammherzchen und hob sich die Hälfte für später auf. Dann legte er sich auf einen Packen alter Zeitungen und stand einfach nicht mehr auf.

Allmählich wurde es allen klar, daß er nie wieder aufstehen würde, und jeder war auf seine Weise ganz besonders lieb zu ihm. Die Mutter kämmte ihm noch einmal alle Flöhe aus dem Fell; das mochte er so gerne, daß er mit aller Kraft schnurrte, wenngleich sein Schnurren mehr dem Schnarren einer ausgeleierten Gitarrensaite glich.

Die eine Tochter bettete ihn auf den Tisch, an dem sie Hausaufgaben machte, damit sie ihn besser im Auge behalten konnte. Seine kalten Hinterpfoten wärmte sie mit einem alten Pullover. Ab und zu streckte er sich wohlig und spreizte alle Zehen - so wie früher. Er guckte jedem nach, der vorbeiging und schnurrte mal laut, mal ganz leise, als wollte er sagen, ich bin's, alles in Ordnung.

Die Nacht verbrachte er ruhig atmend und bewegungslos. Die Mutter hatte ihm etwas Wasser eingeflößt und auch etwas Fleisch hatte er noch gefressen, aus purer Höflichkeit, das konnte man sehen. Die jüngste Tochter hatte morgens schon zwei Stunden bei ihm gewacht, als sie laut schluchzend nach den Anderen rief.

Alle versammelten sich um das sterbende Tier, das noch ganz bei Bewußtsein schien. Es dauerte noch fünf Minuten, dann streckte es alle Viere von sich, stöhnte ein paarmal, und die Mutter fühlte seinen Herzschlag schwächer werden, und dann war er einfach weg. Es war ganz so, als hätte sich das Leben aus seinem Körperchen davongemacht.

Sie legten ihn in die kleinste Schachtel, die sie finden konnten. So ganz eng hineingeringelt, das war wie er's am liebsten hatte. Und sie begruben ihn in Sichtweite des Hauses, wo er 17 Jahre zuvor geboren war, unter ein paar zerzausten Büschen am See.

Er war ein lieber Kater gewesen, hatte höchstens drei Vögel vernascht. Einen fetten Frosch konnte ihm die Mutter einmal abjagen, und der kleine Gekko war wirklich selber schuld, daß Etzel ihn gefressen hatte, schließlich war er ihm direkt vor's Maul gelaufen. Ein einziges Mal war er einen Baum hochgeklettert, von dem man ihn 'runterholen und retten mußte.

Daß der Baum bald darauf umfiel, war nun wirklich nicht Etzels Schuld gewesen.

Er liebte sein Landhaus und wenn abends ein Lagerfeuer knisterte, kauerte er sich daneben, aber oft so nahe, daß Vater ihn wegziehen mußte, damit sein Fell nicht Feuer finge.

Die beiden Pferde waren Luft für ihn, und er dachte sich überhaupt nichts dabei, unter ihren hohen Leibern wie unter einer Brücke durchzugehen. Daß sie ihn dabei ausgiebig beschnupperten und ableckten, fand er immer irgendwie lästig, ließ es aber still geschehen.

Er war stocktaub geworden und hörte nur noch auf Schnalzen. Aber sehen konnte er wunderbar. Er begrüßte jeden, der in die Küche kam mit beifälligem Gebrummsel. Das war das erste was die Mutter morgens hörte, wenn sie in die Küche eilte, um Kaffee aufzusetzen.

Diese grußlose Stille jetzt - sie seufzt und schaltet schnell das Radio an.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Kräutermedizin (15)



Cristina entdeckte unter Bobbys rotbrauner Mähne eine Reihe schuppiger Pickelchen. Beim Striegeln gingen die Haare büschelweise aus.

"Meine Freundin sagt, Bobby hat Milben," erzählte sie am nächsten Tag nach der Schule. "Und Joker wird sie auch bald kriegen. Das kommt davon, wenn man Pferde vernachläßigt."

Vernachläßigt? Mutter schluckte. Grüne Wiesen, so weit das Auge reichte, saftige Bäumchen mit zartem Grün, Sträucher mit Knospen übersäht, mitunter auch mal eine Rose, heimlich aus Mutters Garten erhascht. Dazu ein Teich mit dem frischsten Wasser, vom kühlen Berg heruntergerieselt.

"Man kann sie nur mit DDT kurieren." Mutter erschrak. "So ein Gift kommt mir auf keine Pferdehaut!" rief sie aus.

Mutter und Tochter wälzten tierärztliche Werke und studierten die verschiedensten Behandlungsweisen. Cristina schrieb sich schließlich ein Rezept mit lateinischem Namen heraus, wahrend Mutter sich für die Kräuterheilkunde begeisterte.

"Das ist ja wahnsinning einfach", rief sie, "wir brauchen nur 2 Liter reinen Alkohol, 4 Hände voll Hollunderblätter, ein halbes Kilo zerstoßene Derriswurzel. Das Ganze lässt man 4 Tage ziehen - gut, wir haben ja noch zehn volle Tage bis wir die Pferde wieder sehen - und bewahrt es dann in einem großen Glasballon auf."

Das Gesetz verbot es dem Apotheker, reinen Alkohol zu verkaufen, der Drogist hatte keine Ahnung, wo man Derriswurzeln bekommen konnte, Hollunderblätter gab es um diese Jahreszeit nicht und ein großer Glasbehälter war viel zu teuer.

Darüber waren 2 Tage vergangen.

"Nun gut, machen wir eben die Knoblauchbrühe."

Cristina zweifelte daran, ob der Geruch je wieder aus dem Sattel herausgehen würde, und so blieb nur noch die Zitronenmedizin übrig.

Man mußte einen ganzen Haufen Schalen sammeln und in etwas heißem Wasser gären lassen, solange, bis sie schimmelig wurden. Das sollte eine Woche dauern.

Beim Markt wurden 3 Eimer voll Zitronen gekauft, und wer auch nur über das geringste Unwohlsein klagte, wie Müdigkeit, Appetitmangel, Husten und Halsschmerzen, Kopfweg oder gar Muskelkater, der bekam ein Glas herrlichen Zitronensafts verabreicht. Vater war der erste, dem schon sehr bald überhaupt nichts mehr fehlte.

Die Woche verging, aber die Medizin sah noch nicht fertig aus. Mutter sagte zu Cristina: "Ich fürchte, wir müssen diesmal noch das chemische Mittel besorgen.”

Cristina eilte, es in der Apotheke zu besorgen, dazu noch:

1 Flasche Eukalyptusöl (gegen Fliegen)
100g Rosmarintee (zur Pflege der Mähne)
1 Flasche Weinessig (für die Hufe)


Auf Mutters Zettel für die Gärtnerei aber stand:

1 Eukalyptusbaum
1 Tüte Rosmarinsamen
3 Weinstöcke
2 Zitronenbäume



© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Der Schotte (14)
Um diese Zeit gab es im Botanischen Garten noch nicht so viele Besucher, und sie konnten deswegen irgendwo in der Nähe des Eingangtors parken. Die Kinder hüpften als erste aus dem Auto heraus und schnallten sich ihre Rollschuhe an.

Nicht weit weg hielt ein anderes Auto, dem ein Mann, von Kopf bis Fuß in Schottentracht gekleidet, entstieg. Im Arm trug er einen Dudelsack. Vielleicht ist heute ein Konzert, rätselten die Kinder und beobachteten den Schotten interessiert.

Gefolgt von Frau und zwei Kindern schritt er langsam auf einen hohen dichten Strauch zu, wo er sich eine Zeitlang zu sammeln schien. Dann rückte er seinen Dudelsack zurecht, nahm eine eigenartig steife Haltung ein und fing an zu spielen. Er spielte lange und eindringlich und rührte sich nicht von der Stelle.

Die Kinder wunderten sich. „Vielleicht ist heute ein schottischer Nationalfeiertag,“ meinte Vater. „Oder er spielt für einen toten Kameraden, zum ewigen Andenken.“ Dieser Gedanke gefiel den Kindern, sie hingen gleich ihre eigenen Gedanken daran und schauten zu dem Mann im Schottenrock hinüber, der so treu sein konnte. Er erfrischte ihre Seele mit seinen klagenden Tönen.

Als die Rollschuhe fest waren, sausten sie davon und ließen alle Gedanken zurück.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Die Roßkur (13)
Joker war, wie man so schön sagt, ein Pferd in den besten Jahren. Das einzige, was Cristina an ihm störte, war sein dauerndes Bedürfnis, sich zu jucken, besonders in der Gegend seines Schwanzes. Eine Stelle war schon ganz kahl, so hatte er sie mit seinen Zähnen abgewetzt. Das mißfiel Cristina natürlich sehr. Man hatte ihr als Ursache Würmer genannt.

"Ich muß unbedingt was dagegen tun," sagte sie.

"Also gut,” meinte Mutter, "wir werden ihm eine echte Roßkur verschreiben: Knoblauch, dreimal täglich." Cristina schaute ungläubig. "Naja, damit kann man wenigstens nichts falsch machen, und vielleicht vertreibt es ja seine Würmer - wenn er wirklich welche hat."

Die erste Knoblauchzehe schnaubte Joker von Mutters Hand, ohne auch nur das Maul zu öffnen, und sie fiel im hohen Bogen irgendwohin ins Gebüsch. Mutter ging ins Zelt zurück und kam mit einem schönen Apfel heraus. Den fraß Joker genüßlich. Mittendrin steckte eine Knoblauchzehe. Mensch, Joker, mach's Maul zu!

Einen ganzen Monat lang bekam er nun diese Medizin, mal in Äpfeln versteckt, mal in dicke rote Karotten geklemmt, und Joker nahm sie sehr gerne, so gerne, daß er überhaupt nicht mehr vom Zelt wegging. Sein Fell glänzte wunderbar und - doch - er schien sich seltener zu jucken.

Der letzte Ferientag war gekommen, und alle gingen noch einmal ausgiebig baden. Als sie zurückkamen und das Auto sich langsam über den holprigen Waldweg mühte, fing einer hinten an zu kichern. Und noch einer kicherte, und schließlich schrien und lachten alle durcheinander.

"Was ist denn los?" Verwundert schaute sich Vater um.

"Da vorne, das Zelt," brüllten die Kinder, "das Zelt hat einen Schwanz!"

Wirklich, den Eingang des Zeltes schmückte ein edler langer Schwanz. Jokers Schwanz.

Der Rest von Joker war im Zelt drinnen und fraß gerade 3 Pfund Brot, geschnitten; 6 Pfund Wassermelone, im Stück, und ein viertel Pfund Quark, pikant abgeschmeckt.

"Ogott, hoffentlich kriegt er keine Kolik," jammerte Cristina.

"Du Teufel", sagte Vater barsch zu Joker, der aber nur mit halbem Ohr hinhörte, denn er mußte sich ja aufs Kauen der ungewohnten Leckerbissen konzentrieren. Es war nicht leicht, ihn aus dem Zelt wieder herauszukriegen, es saß ihm nämlich wie angegossen.

Was für gute Worte Cristina nun wählte - oder waren's gar strenge - und wer alles mitschieben mußte, das wußte später niemand mehr zu sagen. Aber sie waren alle froh, als Joker wieder draußen und das Zelt noch heil war.

Auf der Heimfahrt gab es dann keine belegten Brote, sondern nur Eiskrem, aber darüber wollte keiner so recht böse werden.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Pippi (12)
Das kleine Federvieh, das da ins Wohnzimmer getrippelt kam, hatte schnell seinen Namen weg: Pippi. Es piepste nämlich von morgens bis abends, mal in zirpend zarten Tönchen, mal in schrillen, zeternden.

Zwei Freundinnen hatten das Entlein Cristina zum Geburtstag geschenkt.

Pippi veränderte den Festtag auf ungeahnte Weise, wollte es doch nicht einen Augenblick allein bleiben. So kuschelte es sich bald auf Cristinas Schoß, bald unter dem Pulli der einen Freundin, oder es verkroch sich in dem Ärmel der anderen. Auch gab es nicht Ruhe, bis es sich unter Mutters verschränkte Arme gewühlt hatte oder in Vaters Hosentasche verschwunden war.

Es durfte auf dem Tisch spazieren gehen und die Geburtstagstorte beäugen. Sein Köpfchen senkte sich oft und tief in ein mit frischem Wasser gefülltes Glas, und jedesmal danach schleuderte es sich mit einer blitzschnellen Bewegung die überflüssigen Tröpfchen so vom Schnabel, dass jeder am Tisch etwas in seine Kaffeetasse abbekam.

Als Cristina sich zum drittenmal umgezogen hatte, weil Pippi natürlich nicht stubenrein war, wurde ein grosser Karton herbeigeholt, mit Gräsern und Blättern ausgelegt und Pippi hineingesetzt. Die Mutter forschte in ihren Schränken nach Entenfutter, so wie Haferflocken, Weizenkörnern, Sonnenblumenkernen und Tomaten; es fand sich auch ein bißchen Hackfleisch.

Als Pippi niemanden mehr sah, stieß es diese langen, durchdringenden Töne aus, die man nicht ertragen konnte, ohne gleich herbeizustürzen, wie von einem Gummiband unwiderstehlich gezogen.

"Das kann ja eine heitere Nacht werden," bemerkte Vater.

Den Rest des Tages war Pippi überall dabei, entweder im Arm getragen oder hinter den Kindern hergewackelt, sie mochten hingehen, wo sie wollten. Mutter sah besorgt auf ihren Teppich, und schließlich schickte sie alle hinaus an die frische Frühlingsluft.

Dort machte Cristina mit ihrem neuen Fotoapparat Aufnahmen von Pippi: Pippi im Schoss, Pippi in der Hand, Pippi beim Kratzen, Pippi beim Fliegenfang, Pippi mutterseelenallein im Gras!

Pippi war alles recht, solange es nur gleich wieder auf, unter oder zwischen die Kinder krabbeln durfte.

Zur Schlafenszeit klappte der Karton zu, Pippi stimmte aus Leibeskräften sein Klagelied an, aber Vater blieb hart und der Karton ging nicht wieder auf.

Nun musste ernsthaft über Pippis Zukunft nachgedacht werden, und man beschloß, es Jim, dem Nachbarn draußen auf dem Lande, in Pflege zu geben. Cristina war ein bißchen traurig darüber, aber auch sie wollte natürlich, dass ihre Ente ein richtiges Entenleben haben sollte, mit einem Teich, vielen Kaulquappen, Algen und anderen Köstlichkeiten. Und Jim besaß einen solchen Teich.

Eine ganze Woche noch durfte sich Cristina um Pippi kümmern. Nachmittags, nach der Schule, führte sie es hinters Haus auf ein Blumenbeet, wo sie eine kleine Pfütze gegraben hatte, damit Pippi nach Entenart im Schlamm stochern konnte. Am Abend, wenn Cristina Schularbeiten machte, hockte Pippi in einer Falte ihres Pullovers und schlummerte. Sicherlich hat Cristina in jener Woche mehr über Enten gelernt als irgend etwas anderes.

Pippi ist nun schon sieben Wochen alt und zahmer denn je. Jim sagt, er könne nicht einen Schritt machen, ohne daß ihm Pippi auf dem Fuße folge. Vom Teich wolle es nichts wissen, und sein Futter suche es sich auch nicht selber zusammen. Es hat ein Zimmer in Jims Haus, wo es in zwei eleganten Kartons neben der Zentralheizung schläft. Es fährt im Auto mit und schaut sehr modern drein.

"Richtiges Entenleben?" Cristina weiß nicht so recht...



© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Mäuse (11)
Als Vater einmal das Zelt aufräumte, bemerkte er ein Loch im Hafersack, aus dem Cristina gelegentlich einen Eimer voll für ihr Pferd abfüllte. Er wollte gerade ein paar alte Pappkartons hinauswerfen, als er erschrocken zurückwich: Im untersten wimmelte es vor Mäusen! "Etzel!" brüllte er, "Komm, komm!"

Etzel war der Hauskater, der auf allen Ausflügen dabei war und sich im Augenblick wahrscheinlich in einem hohlen Baumstamm von der Familie erholte.

Die Mäuse flitzten um Vaters Beine in alle Richtungen davon, ein paar schossen unter das Werkzeugregal und ein paar unter den Traktor. Mindestens vier blieben in den dunklen Schachteln zurück; ihre langen dünnen Schwänze verrieten sie.

"Etzel!" brüllte Vater begeistert. "Da - da – da", Vaters wohlbekannter Lockruf, den der Kater zu schätzen wußte. Von irgendwoher tauchte er plötzlich auf, nicht gerade eilig, und schaute Vater aufmerksam an.

"Nun komm doch schon her, riechst du denn die Mäuse nicht? Hier sind sie doch!" Und er zeigte auf die Kartons, wo es raschelte und scharrte. Etzel tastete sich lautlos heran, krümmte sich dann zu einem schönen Buckel und lehnte sich schnurrend an Vaters Beine.

"Da sind sie doch! Da - da – daaa!" Vater schubste ihn unsanft gegen die Kartons. Unwillig schüttelte sich Etzel und leckte sich nun erst mal sein Fell wieder glatt.

Doch, er sah wohl die Mäuschen. Sie erinnerten ihn an das niedliche Nachbarskätzchen zuhause, das immer mit seinen Ohren spielte, sobald er sich zu einem Mittagsschläfchen auf die heiße Steintreppe hingeworfen hatte. Vater raufte sich die Haare. "Hat die Welt schon mal so eine Katze gesehen! Verschmäht Mäuse. Für was hält man sich das Tier eigentlich. Geh mir aus den Augen!" Eine Zeitlang trieb sich Etzel noch im Zelt herum, vielleicht aus Höflichkeit. Dann verschwand er.

Vater hatte keine rechte Lust, die Kartons anzufassen, und so blieben sie im Zelt.

Auf seinem abendlichen Rundgang beleuchtete er sie kurz und - ja, wer ist denn das? Etzel?? Etzel steckte im untersten Karton, in den er sich bestimmt nicht ohne einige Mühe hineingezwängt hatte, denn von Natur aus war er dreimal so viel wie das bisschen Katzenfell, das Vater im Halbdunkel ausmachen konnte. Sein Kopf, auf der oberen Kante abgestützt, muss im tiefen Schlaf langsam heruntergerutscht sein und berührte jetzt, an langem Halse baumelnd, fast den Boden, was seinen Schnurrbart in ein heftiges Zittern versetzte. Neben ihm knisperte und knabberte es.

"Hat er oder hat er nicht?" dachte Vater laut. "Ich fürchte, nicht."

Als Gianna, die ihn begleitet hatte, das hörte, rief sie zärtlich: "Guter Junge, Etzel!"

Vater warf ihr einen strengen Blick zu.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Vater, der Menschenfresser (10)
Die Ofenuhr hatte geklingelt; die Mutter wetzte das grosse Messer, der Kater spitzte die Ohren und leckte sich erwartungsvoll das Maul.

Der Sonntagsbraten dampfte auf dem Hackbrett und die Mutter fing an, das Fleisch in nette Scheiben zu schneiden. Auch das kleinste Kind sollte diesmal keine Spur von Fett entdecken können.

Plötzlich schrie sie auf, stürzte zur Spüle und hielt eine Hand unter den fliessenden Wasserhahn. Sie war doch tatsächlich mit dem Messer ein wenig abgerutscht und hatte sich vom kleinsten Finger ein Stückchen abgesäbelt!

Die Kinder kamen gerannt, die Mutter zu bedauern und zu verbinden.

Als alle bei Tisch saßen, wurde dem Vater Mutters Unglück berichtet, und mit einem Blick zur Küche hin meinte Mutter: "Eigentlich müsste meine Fingerkuppe noch irgendwo auf dem Hackbrett herumliegen."

Vater erstarrte. Das Hackbrett war ganz und gar leer. "Das habe ich doch gerade abgeleckt!" jammerte er.

"Du hast mich eben zum Fressen gern," stellte Mutter fest.

© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Hänsel und Gretel (9)
Hänsel und Gretel waren eigentlich Giannas Geburtstagsgeschenk. Aber das vergaßen nicht nur die beiden Entchen gerne, auch die anderen Familienmitglieder betrachteten sie mit großem - zu großem, fand Gianna - Wohlgefallen und fütterten sie um die Wette.

Mit Gretel nahm es schon bald ein böses Ende, weil sie allein im Wald spazieren ging, sich verlief und dem Fuchs begegnete. Und dieser hat doch dann einfach das Lied "FUCHS DU HAST DIE G A N S GESTOHLEN" umgeändert - und die Ente gestohlen.

Hänsel ließ sich zuerst nichts anmerken, tauchte fleissig unter Wasser nach Futter, flitzte von einer Ecke des Teiches in die andere hinter Libellen her, hielt sein Gefieder in Ordnung und döste in der Mittagshitze am Ufer. Allmählich aber wurde es merklich stiller am Teich, Hänsel wurde lustlos. Es war allen klar: Er war einsam.

Und so rückte die Familie eines schönen Tages mit zwei neuen Entenmädchen an: Greta und Helga. Oh, wie freute sich Hänsel! Alle drei schwammen sie in die Mitte des Wassers und veranstalteten ein Planschfest, daß es nur so spritzte. Und Hänsel verliebte sich in Helga.

Von nun an verbrachte die Familie viel Zeit am Wasser, und wenn man vom Hausbauen mal die Nase voll hatte und sich ein Weilchen ausruhen wollte, brauchte man nur zu sagen: "Ich setz’ mich ein bisschen zu den Enten." Und die anderen wussten genau, was gemeint war.

Den Enten ging es gut, sie frassen Frösche, Fische, Algen und Insekten, die sich unvorsichtigerweise zum Trinken niedergelassen hatten. Wenn es regnete, gingen die Enten über Land auf der Suche nach Regenwürmern.

Manchmal kamen sie sogar bis ans Zelt gewatschelt, wenn man sie beim Namen rief, Hänsel immer voran. Sie schätzten die Gesellschaft von Menschen, besonders der Brotstücke wegen, die für sie abfielen. Jedesmal, wenn die Familie nachts von der Stadt angereist kam, galt ihr erster Gang dem Teich.

Einmal aber konnten sie Hänsel nicht finden. "Das kann doch gar nicht sein", sagte Mutter, "er schläft bestimmt irgendwo im Gebüsch."

Mit der Taschenlampe wurde gesucht. Die beiden Entenweibchen schauten von der Mitte des Teiches aus aufmerksam zu. Ob sie wussten, was mit Hänsel los war? Die Kinder glaubten es nach einiger Zeit zu wissen - der Fuchs! Sie waren sehr betrübt.

"Wie schade, daß wir nun keine Jungen kriegen werden", sagte eins. "Und ich habe doch Jim schon welche versprochen", fügte Mutter hinzu. In jener Nacht hatte so mancher einen schlechten Traum, und am folgenden Tag ließen alle die Köpfe hängen.

Man mußte sich erst daran gewohnen, daß der schöne Hänsel aufgefressen worden war.

"So eine Gemeinheit!" sagte Gianna grimmig. "Also, ich geh mal Joker holen, der ist ja noch da," sagte Cristina schließlich. Zum Glück kam Giannas Freundin zu Besuch, so dass sie ein bißchen abgelenkt war; lachen oder gar singen hörte man jedoch niemanden.

Von weitem hörte man plötzlich Jokers Hufe auf dem trockenen Waldboden hämmern. Cristina nahte in vollem Galopp und gestikulierte wild mit den Armen.

Was ist denn los? Was ruft sie denn? Wie? Was? HäNSEL IST DA? Wo denn - wo denn, alle liefen herbei. Er hatte sich doch tatsächlich bei Regen verlaufen, war wohl einem schimmernden Rinnsal durchs hohe Gras gefolgt, durch den Zaun, vorbei an Nachbars Hund, geradewegs in den großen Teich des Nachbarn hinein!

Es glich schon einem rechten Triumpfzug, was sich da unter viel frohen Gelächter und Geschrei durch den Wald bahnte: vorneweg Gianna mit Hänsel im Arm. der vor lauter Festhalten kaum Luft bekam, dann die Freundin und zuletzt Cristina hoch zu Roß auf Joker. Bald war Hänsel wieder mit Greta und seiner lieben Helga vereint und kreutzte auf dem Teich herum als hätte er ihn noch nie gesehen.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
  Das Kater-Rennen (8)
Um ins Bad zu gelangen, mußte man kurz vor der Eingangstür links abbiegen. Jeden Morgen konnte man durch’s Milchglas das weiße Lätzchen von Etzel, dem Kater, erkennen, der Einlaß begehrte und auch bekam, sobald die Erwachsenen den Rücken gekehrt hatten. Denen war er morgens nur im Weg. Kaum drinnen, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als in die Küche zu stürmen, wo er auf Mutters Stuhl hüpfte und sich an den feinen Düften labte. Gefüttert wurde er nie vor Mittag, das wußte er so gut wie jeder andere.

Die Eltern schrien sofort "KATZE RAUS!"; er hatte sich nämlich schon einmal hinreißen lassen, auf den Frühstückstisch zu springen, als niemand hinguckte.

Also wurde er schnellstens durch den Hintereingang hinausbefördert - nicht ohne lautes Gemurre der jüngsten Tochter Gianna, die von Grausamkeit sprach - und oft wurde die Tür sogar nachdrücklich verriegelt.

Was machte der Kater? Nun - vermutlich schüttelte er sich, leckte sein Fellchen glatt und machte sich nach vorne auf. Und wirklich schimmerte dort auch bald sein weißes haariges Lätzchen durch die Glastür. Wer von den Kindern hätte da wegschauen können?

Manchmal war er nahe dran, einen Unfall zu verursachen, wenn zum Beispiel jemand über ihn stolperte, aber wirklich schlimm wäre es ihm ergangen, hätte in seiner Bahn eine griechische Säule gestanden. So wie er durch die Wohnung raste, hätte er nicht plötzlich anhalten können. Vater raufte sich die Haare: "Wenn der auf meinen Komputer springt, dreh’ ich ihm den Hals um!"

"Tut er doch gar nicht," beschwichtigte Mutter, obwohl sie tatsächlich schon einmal beobachtet hatte, wie Etzel auf Vaters Stuhl gelandet war, weil er ihm im Weg war. Sollte Vater doch ordentlicher sein!

Wenn vorne die Eingangstür ins Schloß klickte und ein paar samtene Katzenpfötchen den Flur entlang donnerten, rückte jeder unwillkürlich zur Seite. Und was war der Lohn fürs arme Tier? Frische Luft draußen vor der Hintertür.

"Das wäre das ideale Training für die nächsten Olympischen Spiele," sagte der Sohn eines Morgens. "Wenn es so etwas für Katzen gäbe. Ich möchte zu gerne mal wissen, wie oft er von hinten nach vorne läuft, ohne aufzugeben."

Die Strecke wurde gemessen, es waren rund 23 Meter, und dann wurde gezählt: 5 --- 6 --- 7mal, 8 --- 9 --- beim zehnten Mal ließ Etzel etwas auf sich warten.

Beim elften Mal nahm er sich reichlich Zeit, so viel, dass ihn niemand mehr abpassen konnte: Alles war in die Schule geströmt oder zur Arbeit.


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  Der Sturm (7)
Das Haus sah immer noch wie eine Ruine aus. In den nächsten Ferien sollte endlich das Dach drauf kommen.

Die Kinder schliefen in ihrem Zelt, die Mutter hockte im Küchenzelt und lauschte auf ein Hörspiel im Radio, und der Vater machte sich auch jetzt noch - spät nachts bei hellem Mondschein - auf dem Bau zu schaffen, räumte Werkzeuge weg, legte die Wasserwaage an die Mauern und krauste wahrscheinlich hin und wieder die Stirn, wenn die Wände nicht ganz gerade schienen.

Das Hörspiel wurde gerade sehr spannend, als Mutter Rufe hörte. Sie achtete zuerst nicht weiter darauf, denn sie konnte doch jetzt unmöglich vom Radio weggehen, sie würde ja die beste Szene verpassen. Aber Vaters Stimme ließ nicht locker, wurde ungeduldig: "Komm, wir müssen die Kinder umbetten!" rief er. "Was soll denn das bedeuten?" dachte Mutter und fragte, um Zeit zu gewinnen: "Aber warum denn?"

"Ja siehst Du denn nicht, was für ein Sturm da heraufzieht?"

"Sturm?" wunderte sich die Mutter. Es war doch bloß der Abendwind. "Gleich, gleich!" rief sie ins Dunkel, "ich höre gerade ein Hörspiel, es ist gleich zu Ende."

"Du willst also lieber die Kinder vom Baum erschlagen lassen, Du Rabenmutter."

Das wollte Mutter nun aber doch nicht. Sie stürzte aus dem Küchenzelt. Vater stand auf der anderen Seite des Bauplatzes neben dem Kinderzelt und starrte zu einem riesigen Baum hoch, dessen breit ausladende Krone sich im Wind hin- und herwiegte.

"Hör mal, wie er ächzt und stöhnt, ich glaube, der Sturm wird ihn umlegen." Mutter lächelte blöde vor Unglauben.

"Meinst Du das im Ernst? Der Sturm ist doch nicht so schlimm." Ihre Einwände halfen nichts. Vater war felsenfest davon überzeugt, dass dieser Baum in dieser Nacht bei diesem Wind auf dieses Kinderzelt fallen würde. Die Kinder mußten mit ihrem ganzen Bettzeug in den VW-Bus umziehen, da, wo eigentlich die Eltern schliefen.

Und die Eltern lagen schließlich in einer Ecke des Neubaus, über sich die Sterne, unter sich den Beton, neben sich die Mücken. Die Mücken stachen, wo sie konnten. Mutter zog sich ein Laken über den Kopf und versuchte zu schlafen. Vater fing an zu jammern, denn die Mücken stachen ihn am meisten. Vermummte er sich vollkommen mit den Laken, so schwitzte er bald wie in einer Sauna und konnte es nicht aushalten. Kaum drehte sich Mutter ein bißchen, so entstand eine neue Lücke, und es dauerte eine Weile, bis die Laken und Tücher wieder gerichtet waren.

"Wackel doch nicht so," flehte Vater, "ich werde noch wahnsinnig.“

"Sollte der Baum wirklich fallen, fällt er direkt auf uns", wagte Mutter zu bemerken. „Wenigstens nicht auf die Kinder", brummte Vater.

"Ich halte es nicht aus, diese verdammten Mücken", brüllte Vater plötzlich. "Du kannst ja hier bleiben, wenn es Dir Spaß macht, ich gehe ins Auto. Vielleicht hast Du recht, der Baum wird wahrscheinlich nicht umfallen, der Wind hat sich jetzt gelegt."

Ehe die Mutter widersprechen konnte, hatte Vater die Kinder in ihr Zelt zurückgeschickt; Mutter sah nur ein paar weiße Laken durch die Nacht huschen.

Wohlig ausgestreckt im Auto warf Vater noch einen letzten Blick auf den alten, leise wedelnden Baum.

"Naja, hätte ja sein können", sagte er gähnend.

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  Etzel wird vermißt (6)
Zur Familie gehörte ein Kater namens Etzel, der sich am liebsten bei den Kindern aufhielt und sich auch ein bisschen so benahm wie diese.

Morgens, wenn die Kinder geweckt wurden, lag er in einem der Betten, mal in diesem, mal in jenem, und rührte sich nicht. Nie konnte man genau feststellen, wie er ins Haus hineingekommen war; er mußte nämlich nachts draußen schlafen, in seinem eigenen Karton.

Zum Frühstück fraß er Haferflockenbrei, aber nur wenn es gar nichts anderes gab, und ins Badezimmer ging er zum Spielen und Trinken.

Wenn die Kinder in der Schule waren, leistete er der Mutter Gesellschaft und unterhielt sich mit ihr. Er sah zwar klug aus, hörte aber nur auf den Satz: WARTE, GLEICH!

Die Mutter war klüger und verstand gleich zwei Sätze aus der Katzensprache: WO BIST DU DENN SO LANGE GEWESEN? und ICH BIN HEUTE NOCH NICHT GEFÜTTERT WORDEN!

Für andere Worte interessierte sich Etzel nicht, aber das war auch nicht nötig. Mußte man ihn einmal tadeln, weil er etwa auf den Eßtisch gesprungen war, genügte es meist, ihn scharf anzusehen. Das konnte er nicht aushalten und kniff ganz fest die Augen zu.

Die Küche war sein Lieblingsort. Besonders achtete er darauf, dass das Fleisch gleich nach dem Einkaufen in den Kühlschrank kam.

In den Fleischwolf war er richtig ein bißchen verliebt, denn die Sehnen und Knorpel, die sich nicht durchdrehen liessen, fielen für den Kater ab. Man konnte ihm ansehen, dass er bei seiner Familie recht glücklich war, und er wußte, daß man gut für ihn sorgte.

Einmal war er beinahe ein bißchen zu sorglos geworden.

Die Familie besaß nämlich einen großen Garten weit draußen vor der Stadt und wenn sie übers Wochenende dorthin fuhr, nahm sie ihren Kater im Auto mit. Auf der Rückreise von einem solchen Ausflug nun passierte es, daß die Familie kurz an einer Raststätte halt machen mußte und auch Etzel sich ein paar Minuten verdrückte. Die fremden Geräusche und Gerüche müssen ihn dann ganz verwirrt haben, jedenfalls half kein Rufen und kein Bitten - er blieb verschwunden. Sie mußten unter viel Jammern ohne ihn weiterfahren, denn der Vater mußte noch am gleichen Tag zur Arbeit.

Zwei Wochen später aber, wer wartete da, als die Familie bei Dunkelheit am gleichen Ort ankam? Ja, er – Etzel, sehr dünn und sehr heiser. Er hüpfte ins Auto.

Nebenan war ein Auto geparkt, aus dem eine Frau interessiert zugeschaut hatte, und die Kinder erzählten ihr alles.

„Sowas habe ich noch nie gehört,“ rief sie gerührt aus, griff in eine Tüte und holte einen großen Packen frisch gekauften Fleischs hervor. „Da, für Euren Kater“.

Am jenem Abend gab es knusprig gebratene Lammkoteletts – nicht nur für Etzel.


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  Filet Wellington (5)
Die Mutter hatte im Laufe der Jahre gelernt, schnell und nützlich zu kochen. Die Kinder mochten ihr Essen recht gern, aber es kam auch vor, daß sie auf ihrem Teller lustlos herumstocherten oder doppelt so lange wie sonst brauchten, es aufzuessen. Manchmal auch schmeckte ihnen ein Gericht so gut, daß sich die Mutter wunderte.

Nun, da die Kinder nicht mehr ganz klein waren, glaubte die Mutter, daß es an der Zeit sei, richtig kochen zu lernen - genau nach Rezept. Sie besaß viele Kochbücher, denn der Vater liebte Bücher und jedesmal, wenn er fünf Bücher gekauft hatte, war bestimmt ein Kochbuch dabei, das dem Vater besonders gefallen hatte. Die Mutter schätzte eigentlich nur ein einziges Kochbuch, vielleicht weil es so dicke Seiten hatte, fast wie Löschpapier.

Eines Tages plante sie für den nächsten Sonntag einen Braten; er sollte in einem Mantel aus Teig stecken. Er sah wunderbar aus, als er auf dem Eßtisch thronte, und die Familie bewunderte die köstliche Kruste. Er hatte auch einen schönen Namen, nämlich "Filet Wellington".

Die Kinder fanden das Fleisch innen nicht ganz gar und aßen sich an der Kruste satt. Am nächsten Sonntag ließ die Mutter den Braten länger im Ofen; die Familie fand das Fleisch ein bißchen zu trocken. Aber die knusprige Kruste lobten sie in höchsten Tönen.

Für den nächsten Sonntag wählte die Mutter eine andere Sorte Fleisch. Die Kinder strahlten beim Anblick der knusprigen Kruste und pellten sie vorsichtig vom Braten ab, der kalt und fett auf ihren Tellern liegen blieb.

Für den nächsten Sonntag holte die Mutter mageres Fleisch ein, hüllte es wieder in Teig ein und ein neuer köstlich duftender Braten "Filet Wellington" entstand. Die Kruste war lecker, das Fleisch konnte man kaum entdecken, aber die Kinder fanden noch ein paar Spuren davon.

Am nächsten Sonntag gab es die doppelte Menge Fleisch, aber die Kruste reichte nicht ganz herum, und die Kinder machten lange Gesichter und sagten „Ooch“.

Die Mutter nahm sich nun noch eimal das Kochbuch vor und dachte: "Dieses Filet Wellington muß doch gelingen können." Sie kaufte das teuerste Filet und bereitete es ganz genau nach Rezept zu.

Die Kinder freuten sich über die knusprige braune Kruste. Der Vater brummte: "Na, wenn das Filet sein soll…"

Das älteste Kind meinte, Wellington bedeute Gummistiefel auf Englisch. Und über Filet Gummistiefel mussten alle lachen, dafür konnte die Mutter doch nichts.

"Kannst Du nicht das Fleisch weglassen?" fragte das kleinste Kind, das sich nichts aus Fleisch machte.

Die Mutter seufzte und dachte: "Es ist noch kein Koch vom Himmel gefallen." Aber sie dachte auch: "So eine verwöhnte Familie!"

Der Vater tröstete sie und sagte: "Es war eben nicht das richtige Fleisch – warte, bis wir unsere eigenen Rinder haben".


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  Der Krümelkuchen (3)
Am Sonntag gab es immer Kaffee und Kuchen, und gewiss kam immer der Augenblick, in welchem Vater Mutter ansah und seufzte. "Ach, ich wünschte, Du würdest einmal einen Kuchen backen, der nur aus Krümeln besteht."

Die Mutter nun verstand viele schöne Kuchen zu machen. Bienenstich zum Beispiel, Apfelstrudel, Streuselkuchen, auch Mohnstriezel und Käsekuchen, aber einen Kuchen nur aus Krümeln, nein, das war ihr wirklich zu einfach.

Also gab es einen solchen Kuchen nie, bis auf ein einziges Mal. Mutter fiel nämlich in ihrer Rezeptesammlung ein Kuchen auf, der tatsächlich nur aus Krümeln bestehen sollte - allerdings mit einer leckeren Schicht Apfelkompott dazwischen. Na schön, beschloss sie, heute soll Vater seine Krümeltorte bekommen.

Sie bereitete geschwinde den Teig, ließ Schlagsahne holen, stellte die Ofenuhr, und die Kaffeetafel konnte gedeckt werden. Als es klingelte, machte sie den Backofen auf und griff sich ein Küchenhandtuch, um sich nicht die Finger an dem heißen Kuchenblech zu verbrennen.

"Du solltest dir wirklich einmal von deinen Töchtern ein paar Topflappen häkeln lassen," bemerkte Vater hilfsbereit. Hinter ihm stürmte die jüngste Tochter in die Küche: "Kann ich gleich mit Susie baden gehen?" "Frag mich das doch nicht gerade jetzt, wo ich eine so schwierige…"

Da geschah es: das ganze Kuchenblech rutschte aus Mutters Hand und landete mit einem lauten Krach auf dem Fussboden. Die dampfende Apfelmasse klatschte vor Mutters Füße hin, und die knusprigen Krümel verkrochen sich in alle Ecken.

Mutter war entsetzt, aber nur einen Augenblick lang. Schnell sammelte sie alle Teilchen ein und häufte sie auf einen Teller. "Das ist das gute an einer sauberen Küche, man kann zur Not auch mal vom Boden essen," sagte sie zu ihren sprachlosen Töchtern.

Sie trug den Teller zu Tisch und sagte zu Vater: "Du wolltest doch schon immer mal einen Krümelkuchen, nicht? Nun, heute kriegst Du gleich einen doppelten!"

Vater schaute auf den Berg Krümel und sagte: "Ach, weisst Du – gerade heute bin ich schon so satt."

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  Die Brille (2)
Die Mutter mußte die meiste Zeit eine Brille tragen, denn sonst konnte sie nicht so genau sehen.

Wenn sie die Wohnung aufräumte, war ihr die Brille im Wege, so daß sie sie absetzte. Fühlte sie, daß ihre Augen müde wurden, wollte sie ihre Brille wieder haben. Dann konnte sie sich oft nicht mehr daran erinnern, wo sie sie hingelegt hatte, und sie mußte überall suchen.

Am liebsten ließ sich die Brille auf der Waschmaschine finden, oder im Brotkasten oder zwischen den Kochbüchern oder unter dem Bett oder im Wäschekorb, auch zwischen den Zahnbürsten oder auf einem Teller war sie schon mal gewesen.

Einmal aber half alles Suchen nichts. Wie oft sie die alten Lieblingsorte der Brille auch sorgfältig absuchen mochte und so nebenbei auf lauter schöne neue Plätzchen stieß – wie etwa Vaters Werkzeugkiste, den Backofen und die Einmachgläser – die Brille war weg.

Am gleichen Abend, als die Mutter die trockene Wäsche abnehmen ging, fand sie die Brille aber doch. Sie baumelte an der Leine neben dem Klammerbeutel.

„Ich bin verrückt,“ dachte die Mutter erfreut.

„Dir fehlen Vitamine,“ sagte der Vater.


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  The authoress sitting pretty

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  Das alte Pferd (4)
"JUNGES MäDCHEN SUCHT JOB. NUR BEI PFERDEN.
Cristina, Tel. 842 710"

Dieses Schild klebte am schwarzen Brett im Supermarkt. Aber davon erfuhr Mutter erst viel später, genau gesagt zwei Wochen später, als nämlich das Telefon klingelte und ein Mädchen namens Jane mit Cristina sprechen wollte, na wegen dieses Jobs. Die Mutter verstand gar nichts, aber Gianna, die Jüngste, schien Bescheid zu wissen, und Mutter gab ihr den Hörer. Gianna flüsterte verschwörerisch in die Muschel und notierte eine Adresse. "Um was geht es denn?" fragte Mutter, aber Gianna war verschwunden, noch bevor die Mutter aus ihren gemurmelten Worten schlau werden konnte.

Bei Tisch fiel Mutter die Sache wieder ein, und sie bat ihre Tochter um des Rätsels Lösung.

Es stellte sich heraus, dass Cristina diesen Zettel angeschlagen hatte. "Ohne mich zu fragen?" Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Weißt Du eigentlich, dass 13-jährige Kinder überhaupt nicht arbeiten dürfen? Und wenn Du wirklich zu viel Zeit hast, dann kannst Du Violine üben oder Deutsch lesen oder in der Küche helfen. Wie willst Du denn neben Deinen Schularbeiten für andere - und für Geld - arbeiten?" Das Wort GELD verstand Mutter auf eine besonders eklige Art auszusprechen.

Cristina machte ein betretenes Gesicht, und wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, hätte sich nicht in diesem Augenblick Vater zum Abendessen eingestellt.

"Ihre Initiative sollte eigentlich belohnt werden," meinte er schmunzelnd zu Mutter; und zu Cristina: “Aber nicht ohne Mutter vorher um Erlaubnis zu bitten. Ein bißchen Erfahrung sammeln - na ja, vielleicht ist das keine schlechte Idee."

In der darauf folgenden Woche fanden viele Telefongespräche zwischen Cristina und Jane statt – über Sultan, nun, das Pferd. Die ganze Familie hörte mit Rührung von Sultans Geschick. Seine junge Besitzerin kümmerte sich nämlich nicht viel um ihn, pflegte und striegelte ihn nicht, mistete seinen Stall nicht aus und gab ihm nicht genug Futter. Nur Reiten machte ihr Spaß.

Und so kam es, dass Jane Cristinas Zettel las und sofort wußte, was tun: gemeinsam mit Cristina Sultan pflegen!

Am nächsten Samstag fuhren sie mit dem Bus zu Sultan und stapelten meterhohe Berge von Pferdeäpfeln. Cristina hatte ein ganzes Bürstensortiment zur Pflege von Pferden mitgenommen, und schon bald wurde Sultan geschrubbt und gestriegelt und gekämmt, von oben bis unten, hinten und vorn. Zuletzt wurden die mit spitzen Steinchen gespickten Hufe gesäubert und geputzt.

Am Abend erzählte Cristina von Sultans engem Stall und wie er den ganzen Tag angebunden in einer Ecke stand, weil der Zaun kaputt war, und beim nächsten Mal wollten alle mit.

Sultans Wiese lag zwischen Gärten, wo man noch Hühner halten durfte. "Mit einem bißchen Draht ließe sich der Zaun schon flicken,” meinte Vater. "Dann könnte er grasen, soviel er wollte."

"Er könnte bildschön aussehen, wenn er nicht so mager wäre," sagte Mutter. Seine sanften Augen hielt er zu Boden gerichtet. Er wartete - oder wartete er überhaupt noch? Er war ja schon sehr alt, ganze 27 Jahre.

Von da an bekam Sultan jeden Sonntag seine Bürstenmassage und eine Handvoll Apfelbutzen. Die Besitzerin des Pferdes, so erzählten die Mädchen, finge an, Sultan mit anderen Augen anzusehen.

Und Sultan? Nun, gewiehert hat er neulich - zum erstenmal laut und lange gewiehert, als er die beiden Madchen ankommen sah.

"Das heißt, er mag uns,” sagte Cristina mit strahlenden Augen.

Bobby wartet wieder...

© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
Biancas Kindergeschichten sind ueber viele Jahre entstanden in Stunden der Muße. Viele Leser haben sie geschätzt - nicht nur die inzwischen erwachsenen Kinder. Denen sind diese losen Blätter immer noch lieb als Schnappschüsse aus der Kindheit... Die Autorin, inzwischen Grossmutter von fünf kleinen Enkeln in aller Welt, hat diese losen Blätter nun 'entstaubt' und mit einigen neuen Geschichten aus ihrem Alltag angereichert. Ihr Copyright besteht weiter.

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