Lose Blätter
Saturday, February 04, 2006
  Die Roßkur (13)
Joker war, wie man so schön sagt, ein Pferd in den besten Jahren. Das einzige, was Cristina an ihm störte, war sein dauerndes Bedürfnis, sich zu jucken, besonders in der Gegend seines Schwanzes. Eine Stelle war schon ganz kahl, so hatte er sie mit seinen Zähnen abgewetzt. Das mißfiel Cristina natürlich sehr. Man hatte ihr als Ursache Würmer genannt.

"Ich muß unbedingt was dagegen tun," sagte sie.

"Also gut,” meinte Mutter, "wir werden ihm eine echte Roßkur verschreiben: Knoblauch, dreimal täglich." Cristina schaute ungläubig. "Naja, damit kann man wenigstens nichts falsch machen, und vielleicht vertreibt es ja seine Würmer - wenn er wirklich welche hat."

Die erste Knoblauchzehe schnaubte Joker von Mutters Hand, ohne auch nur das Maul zu öffnen, und sie fiel im hohen Bogen irgendwohin ins Gebüsch. Mutter ging ins Zelt zurück und kam mit einem schönen Apfel heraus. Den fraß Joker genüßlich. Mittendrin steckte eine Knoblauchzehe. Mensch, Joker, mach's Maul zu!

Einen ganzen Monat lang bekam er nun diese Medizin, mal in Äpfeln versteckt, mal in dicke rote Karotten geklemmt, und Joker nahm sie sehr gerne, so gerne, daß er überhaupt nicht mehr vom Zelt wegging. Sein Fell glänzte wunderbar und - doch - er schien sich seltener zu jucken.

Der letzte Ferientag war gekommen, und alle gingen noch einmal ausgiebig baden. Als sie zurückkamen und das Auto sich langsam über den holprigen Waldweg mühte, fing einer hinten an zu kichern. Und noch einer kicherte, und schließlich schrien und lachten alle durcheinander.

"Was ist denn los?" Verwundert schaute sich Vater um.

"Da vorne, das Zelt," brüllten die Kinder, "das Zelt hat einen Schwanz!"

Wirklich, den Eingang des Zeltes schmückte ein edler langer Schwanz. Jokers Schwanz.

Der Rest von Joker war im Zelt drinnen und fraß gerade 3 Pfund Brot, geschnitten; 6 Pfund Wassermelone, im Stück, und ein viertel Pfund Quark, pikant abgeschmeckt.

"Ogott, hoffentlich kriegt er keine Kolik," jammerte Cristina.

"Du Teufel", sagte Vater barsch zu Joker, der aber nur mit halbem Ohr hinhörte, denn er mußte sich ja aufs Kauen der ungewohnten Leckerbissen konzentrieren. Es war nicht leicht, ihn aus dem Zelt wieder herauszukriegen, es saß ihm nämlich wie angegossen.

Was für gute Worte Cristina nun wählte - oder waren's gar strenge - und wer alles mitschieben mußte, das wußte später niemand mehr zu sagen. Aber sie waren alle froh, als Joker wieder draußen und das Zelt noch heil war.

Auf der Heimfahrt gab es dann keine belegten Brote, sondern nur Eiskrem, aber darüber wollte keiner so recht böse werden.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
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Biancas Kindergeschichten sind ueber viele Jahre entstanden in Stunden der Muße. Viele Leser haben sie geschätzt - nicht nur die inzwischen erwachsenen Kinder. Denen sind diese losen Blätter immer noch lieb als Schnappschüsse aus der Kindheit... Die Autorin, inzwischen Grossmutter von fünf kleinen Enkeln in aller Welt, hat diese losen Blätter nun 'entstaubt' und mit einigen neuen Geschichten aus ihrem Alltag angereichert. Ihr Copyright besteht weiter.

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