Der Krümelkuchen (3)
Am Sonntag gab es immer Kaffee und Kuchen, und gewiss kam immer der Augenblick, in welchem Vater Mutter ansah und seufzte. "Ach, ich wünschte, Du würdest einmal einen Kuchen backen, der nur aus Krümeln besteht."
Die Mutter nun verstand viele schöne Kuchen zu machen. Bienenstich zum Beispiel, Apfelstrudel, Streuselkuchen, auch Mohnstriezel und Käsekuchen, aber einen Kuchen nur aus Krümeln, nein, das war ihr wirklich zu einfach.
Also gab es einen solchen Kuchen nie, bis auf ein einziges Mal. Mutter fiel nämlich in ihrer Rezeptesammlung ein Kuchen auf, der tatsächlich nur aus Krümeln bestehen sollte - allerdings mit einer leckeren Schicht Apfelkompott dazwischen. Na schön, beschloss sie, heute soll Vater seine Krümeltorte bekommen.
Sie bereitete geschwinde den Teig, ließ Schlagsahne holen, stellte die Ofenuhr, und die Kaffeetafel konnte gedeckt werden. Als es klingelte, machte sie den Backofen auf und griff sich ein Küchenhandtuch, um sich nicht die Finger an dem heißen Kuchenblech zu verbrennen.
"Du solltest dir wirklich einmal von deinen Töchtern ein paar Topflappen häkeln lassen," bemerkte Vater hilfsbereit. Hinter ihm stürmte die jüngste Tochter in die Küche: "Kann ich gleich mit Susie baden gehen?" "Frag mich das doch nicht gerade jetzt, wo ich eine so schwierige…"
Da geschah es: das ganze Kuchenblech rutschte aus Mutters Hand und landete mit einem lauten Krach auf dem Fussboden. Die dampfende Apfelmasse klatschte vor Mutters Füße hin, und die knusprigen Krümel verkrochen sich in alle Ecken.
Mutter war entsetzt, aber nur einen Augenblick lang. Schnell sammelte sie alle Teilchen ein und häufte sie auf einen Teller. "Das ist das gute an einer sauberen Küche, man kann zur Not auch mal vom Boden essen," sagte sie zu ihren sprachlosen Töchtern.
Sie trug den Teller zu Tisch und sagte zu Vater: "Du wolltest doch schon immer mal einen Krümelkuchen, nicht? Nun, heute kriegst Du gleich einen doppelten!"
Vater schaute auf den Berg Krümel und sagte: "Ach, weisst Du – gerade heute bin ich schon so satt."
© 1985-2011 Bianca Hüsch