Das Kater-Rennen (8)
Um ins Bad zu gelangen, mußte man kurz vor der Eingangstür links abbiegen. Jeden Morgen konnte man durch’s Milchglas das weiße Lätzchen von Etzel, dem Kater, erkennen, der Einlaß begehrte und auch bekam, sobald die Erwachsenen den Rücken gekehrt hatten. Denen war er morgens nur im Weg. Kaum drinnen, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als in die Küche zu stürmen, wo er auf Mutters Stuhl hüpfte und sich an den feinen Düften labte. Gefüttert wurde er nie vor Mittag, das wußte er so gut wie jeder andere.
Die Eltern schrien sofort "KATZE RAUS!"; er hatte sich nämlich schon einmal hinreißen lassen, auf den Frühstückstisch zu springen, als niemand hinguckte.
Also wurde er schnellstens durch den Hintereingang hinausbefördert - nicht ohne lautes Gemurre der jüngsten Tochter Gianna, die von Grausamkeit sprach - und oft wurde die Tür sogar nachdrücklich verriegelt.
Was machte der Kater? Nun - vermutlich schüttelte er sich, leckte sein Fellchen glatt und machte sich nach vorne auf. Und wirklich schimmerte dort auch bald sein weißes haariges Lätzchen durch die Glastür. Wer von den Kindern hätte da wegschauen können?
Manchmal war er nahe dran, einen Unfall zu verursachen, wenn zum Beispiel jemand über ihn stolperte, aber wirklich schlimm wäre es ihm ergangen, hätte in seiner Bahn eine griechische Säule gestanden. So wie er durch die Wohnung raste, hätte er nicht plötzlich anhalten können. Vater raufte sich die Haare: "Wenn der auf meinen Komputer springt, dreh’ ich ihm den Hals um!"
"Tut er doch gar nicht," beschwichtigte Mutter, obwohl sie tatsächlich schon einmal beobachtet hatte, wie Etzel auf Vaters Stuhl gelandet war, weil er ihm im Weg war. Sollte Vater doch ordentlicher sein!
Wenn vorne die Eingangstür ins Schloß klickte und ein paar samtene Katzenpfötchen den Flur entlang donnerten, rückte jeder unwillkürlich zur Seite. Und was war der Lohn fürs arme Tier? Frische Luft draußen vor der Hintertür.
"Das wäre das ideale Training für die nächsten Olympischen Spiele," sagte der Sohn eines Morgens. "Wenn es so etwas für Katzen gäbe. Ich möchte zu gerne mal wissen, wie oft er von hinten nach vorne läuft, ohne aufzugeben."
Die Strecke wurde gemessen, es waren rund 23 Meter, und dann wurde gezählt: 5 --- 6 --- 7mal, 8 --- 9 --- beim zehnten Mal ließ Etzel etwas auf sich warten.
Beim elften Mal nahm er sich reichlich Zeit, so viel, dass ihn niemand mehr abpassen konnte: Alles war in die Schule geströmt oder zur Arbeit.
© 1985-2011 Bianca Hüsch