Der Schotte (14)
Um diese Zeit gab es im Botanischen Garten noch nicht so viele Besucher, und sie konnten deswegen irgendwo in der Nähe des Eingangtors parken. Die Kinder hüpften als erste aus dem Auto heraus und schnallten sich ihre Rollschuhe an.
Nicht weit weg hielt ein anderes Auto, dem ein Mann, von Kopf bis Fuß in Schottentracht gekleidet, entstieg. Im Arm trug er einen Dudelsack. Vielleicht ist heute ein Konzert, rätselten die Kinder und beobachteten den Schotten interessiert.
Gefolgt von Frau und zwei Kindern schritt er langsam auf einen hohen dichten Strauch zu, wo er sich eine Zeitlang zu sammeln schien. Dann rückte er seinen Dudelsack zurecht, nahm eine eigenartig steife Haltung ein und fing an zu spielen. Er spielte lange und eindringlich und rührte sich nicht von der Stelle.
Die Kinder wunderten sich. „Vielleicht ist heute ein schottischer Nationalfeiertag,“ meinte Vater. „Oder er spielt für einen toten Kameraden, zum ewigen Andenken.“ Dieser Gedanke gefiel den Kindern, sie hingen gleich ihre eigenen Gedanken daran und schauten zu dem Mann im Schottenrock hinüber, der so treu sein konnte. Er erfrischte ihre Seele mit seinen klagenden Tönen.
Als die Rollschuhe fest waren, sausten sie davon und ließen alle Gedanken zurück.
© 1985-2011 Bianca Hüsch