Meggie (17)
Schon im letzten Frühling war ihnen die junge Elster aufgefallen. Sie pflegte sich auf einem Zaunpfahl niederzulassen und Vater und Mutter beim Frühstücken zuzuschauen. Das Frühstück fand immer im Garten statt, gleich hinter der Hecke, wo kein Wind den Kaffee abkühlen konnte.
Inzwischen war die Elster, "Meggie" genannt, so zutraulich geworden, daß sie sich von Pfahl zu Pfahl schwang, bis sie den allernächsten erreicht hatte, auf dem sie dann als schwarzglänzendes Wesen mit goldgelb leuchtenden Augen und säbelförmigem Schnabel regungslos verharrte.
Mutter kamen Piratengeschichten in den Sinn und sie beeilte sich, von ihrem Brot ein Stückchen abzuzweigen. Meggie starrte eine gute Weile auf die vor sie hingeworfene Gabe, stürzte sich endlich darauf und floh mit weit ausholenden Flügelschlägen, daß man's surren hörte.
"Sie kann heute nicht genug kriegen", rief Vater aus, als Meggie neulich versuchte, gleich zwei Brocken in den Schnabel zu kriegen. Kaum hatte sie den ersten verstaut und machte sich über den zweiten her, kullerte der erste wieder heraus. Schnappte sie sich jedoch alle zwei auf einmal, so verlor sie gleich wieder die Hälfte von beiden. Schließlich schluckte sie den einen hinunter und trug den zweiten davon. "So ist's besser, Meggie", lobte Vater.
Vater und Mutter folgten ihr mit den Augen, wie sie geradewegs auf einen hohen Baum zuflog, in dessen Geäst noch eine Elster, größer als Meggie, saß.
Meggie hüpfte zu ihr hin und reichte ihr das mitgebrachte Brotstückchen. Die große Elster fraß es, und beide Vögel verschwanden im Wald.
© 1985-2011 Bianca Hüsch