Lose Blätter
Saturday, February 04, 2006
  Etzel wird vermißt (6)
Zur Familie gehörte ein Kater namens Etzel, der sich am liebsten bei den Kindern aufhielt und sich auch ein bisschen so benahm wie diese.

Morgens, wenn die Kinder geweckt wurden, lag er in einem der Betten, mal in diesem, mal in jenem, und rührte sich nicht. Nie konnte man genau feststellen, wie er ins Haus hineingekommen war; er mußte nämlich nachts draußen schlafen, in seinem eigenen Karton.

Zum Frühstück fraß er Haferflockenbrei, aber nur wenn es gar nichts anderes gab, und ins Badezimmer ging er zum Spielen und Trinken.

Wenn die Kinder in der Schule waren, leistete er der Mutter Gesellschaft und unterhielt sich mit ihr. Er sah zwar klug aus, hörte aber nur auf den Satz: WARTE, GLEICH!

Die Mutter war klüger und verstand gleich zwei Sätze aus der Katzensprache: WO BIST DU DENN SO LANGE GEWESEN? und ICH BIN HEUTE NOCH NICHT GEFÜTTERT WORDEN!

Für andere Worte interessierte sich Etzel nicht, aber das war auch nicht nötig. Mußte man ihn einmal tadeln, weil er etwa auf den Eßtisch gesprungen war, genügte es meist, ihn scharf anzusehen. Das konnte er nicht aushalten und kniff ganz fest die Augen zu.

Die Küche war sein Lieblingsort. Besonders achtete er darauf, dass das Fleisch gleich nach dem Einkaufen in den Kühlschrank kam.

In den Fleischwolf war er richtig ein bißchen verliebt, denn die Sehnen und Knorpel, die sich nicht durchdrehen liessen, fielen für den Kater ab. Man konnte ihm ansehen, dass er bei seiner Familie recht glücklich war, und er wußte, daß man gut für ihn sorgte.

Einmal war er beinahe ein bißchen zu sorglos geworden.

Die Familie besaß nämlich einen großen Garten weit draußen vor der Stadt und wenn sie übers Wochenende dorthin fuhr, nahm sie ihren Kater im Auto mit. Auf der Rückreise von einem solchen Ausflug nun passierte es, daß die Familie kurz an einer Raststätte halt machen mußte und auch Etzel sich ein paar Minuten verdrückte. Die fremden Geräusche und Gerüche müssen ihn dann ganz verwirrt haben, jedenfalls half kein Rufen und kein Bitten - er blieb verschwunden. Sie mußten unter viel Jammern ohne ihn weiterfahren, denn der Vater mußte noch am gleichen Tag zur Arbeit.

Zwei Wochen später aber, wer wartete da, als die Familie bei Dunkelheit am gleichen Ort ankam? Ja, er – Etzel, sehr dünn und sehr heiser. Er hüpfte ins Auto.

Nebenan war ein Auto geparkt, aus dem eine Frau interessiert zugeschaut hatte, und die Kinder erzählten ihr alles.

„Sowas habe ich noch nie gehört,“ rief sie gerührt aus, griff in eine Tüte und holte einen großen Packen frisch gekauften Fleischs hervor. „Da, für Euren Kater“.

Am jenem Abend gab es knusprig gebratene Lammkoteletts – nicht nur für Etzel.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
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Biancas Kindergeschichten sind ueber viele Jahre entstanden in Stunden der Muße. Viele Leser haben sie geschätzt - nicht nur die inzwischen erwachsenen Kinder. Denen sind diese losen Blätter immer noch lieb als Schnappschüsse aus der Kindheit... Die Autorin, inzwischen Grossmutter von fünf kleinen Enkeln in aller Welt, hat diese losen Blätter nun 'entstaubt' und mit einigen neuen Geschichten aus ihrem Alltag angereichert. Ihr Copyright besteht weiter.

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