Etzel - Ade (16)
Am Mittag zerfleischte er wie üblich ein Lammherzchen und hob sich die Hälfte für später auf. Dann legte er sich auf einen Packen alter Zeitungen und stand einfach nicht mehr auf.
Allmählich wurde es allen klar, daß er nie wieder aufstehen würde, und jeder war auf seine Weise ganz besonders lieb zu ihm. Die Mutter kämmte ihm noch einmal alle Flöhe aus dem Fell; das mochte er so gerne, daß er mit aller Kraft schnurrte, wenngleich sein Schnurren mehr dem Schnarren einer ausgeleierten Gitarrensaite glich.
Die eine Tochter bettete ihn auf den Tisch, an dem sie Hausaufgaben machte, damit sie ihn besser im Auge behalten konnte. Seine kalten Hinterpfoten wärmte sie mit einem alten Pullover. Ab und zu streckte er sich wohlig und spreizte alle Zehen - so wie früher. Er guckte jedem nach, der vorbeiging und schnurrte mal laut, mal ganz leise, als wollte er sagen, ich bin's, alles in Ordnung.
Die Nacht verbrachte er ruhig atmend und bewegungslos. Die Mutter hatte ihm etwas Wasser eingeflößt und auch etwas Fleisch hatte er noch gefressen, aus purer Höflichkeit, das konnte man sehen. Die jüngste Tochter hatte morgens schon zwei Stunden bei ihm gewacht, als sie laut schluchzend nach den Anderen rief.
Alle versammelten sich um das sterbende Tier, das noch ganz bei Bewußtsein schien. Es dauerte noch fünf Minuten, dann streckte es alle Viere von sich, stöhnte ein paarmal, und die Mutter fühlte seinen Herzschlag schwächer werden, und dann war er einfach weg. Es war ganz so, als hätte sich das Leben aus seinem Körperchen davongemacht.
Sie legten ihn in die kleinste Schachtel, die sie finden konnten. So ganz eng hineingeringelt, das war wie er's am liebsten hatte. Und sie begruben ihn in Sichtweite des Hauses, wo er 17 Jahre zuvor geboren war, unter ein paar zerzausten Büschen am See.
Er war ein lieber Kater gewesen, hatte höchstens drei Vögel vernascht. Einen fetten Frosch konnte ihm die Mutter einmal abjagen, und der kleine Gekko war wirklich selber schuld, daß Etzel ihn gefressen hatte, schließlich war er ihm direkt vor's Maul gelaufen. Ein einziges Mal war er einen Baum hochgeklettert, von dem man ihn 'runterholen und retten mußte.
Daß der Baum bald darauf umfiel, war nun wirklich nicht Etzels Schuld gewesen.
Er liebte sein Landhaus und wenn abends ein Lagerfeuer knisterte, kauerte er sich daneben, aber oft so nahe, daß Vater ihn wegziehen mußte, damit sein Fell nicht Feuer finge.
Die beiden Pferde waren Luft für ihn, und er dachte sich überhaupt nichts dabei, unter ihren hohen Leibern wie unter einer Brücke durchzugehen. Daß sie ihn dabei ausgiebig beschnupperten und ableckten, fand er immer irgendwie lästig, ließ es aber still geschehen.
Er war stocktaub geworden und hörte nur noch auf Schnalzen. Aber sehen konnte er wunderbar. Er begrüßte jeden, der in die Küche kam mit beifälligem Gebrummsel. Das war das erste was die Mutter morgens hörte, wenn sie in die Küche eilte, um Kaffee aufzusetzen.
Diese grußlose Stille jetzt - sie seufzt und schaltet schnell das Radio an.
© 1985-2011 Bianca Hüsch