Pippi (12)
Das kleine Federvieh, das da ins Wohnzimmer getrippelt kam, hatte schnell seinen Namen weg: Pippi. Es piepste nämlich von morgens bis abends, mal in zirpend zarten Tönchen, mal in schrillen, zeternden.
Zwei Freundinnen hatten das Entlein Cristina zum Geburtstag geschenkt.
Pippi veränderte den Festtag auf ungeahnte Weise, wollte es doch nicht einen Augenblick allein bleiben. So kuschelte es sich bald auf Cristinas Schoß, bald unter dem Pulli der einen Freundin, oder es verkroch sich in dem Ärmel der anderen. Auch gab es nicht Ruhe, bis es sich unter Mutters verschränkte Arme gewühlt hatte oder in Vaters Hosentasche verschwunden war.
Es durfte auf dem Tisch spazieren gehen und die Geburtstagstorte beäugen. Sein Köpfchen senkte sich oft und tief in ein mit frischem Wasser gefülltes Glas, und jedesmal danach schleuderte es sich mit einer blitzschnellen Bewegung die überflüssigen Tröpfchen so vom Schnabel, dass jeder am Tisch etwas in seine Kaffeetasse abbekam.
Als Cristina sich zum drittenmal umgezogen hatte, weil Pippi natürlich nicht stubenrein war, wurde ein grosser Karton herbeigeholt, mit Gräsern und Blättern ausgelegt und Pippi hineingesetzt. Die Mutter forschte in ihren Schränken nach Entenfutter, so wie Haferflocken, Weizenkörnern, Sonnenblumenkernen und Tomaten; es fand sich auch ein bißchen Hackfleisch.
Als Pippi niemanden mehr sah, stieß es diese langen, durchdringenden Töne aus, die man nicht ertragen konnte, ohne gleich herbeizustürzen, wie von einem Gummiband unwiderstehlich gezogen.
"Das kann ja eine heitere Nacht werden," bemerkte Vater.
Den Rest des Tages war Pippi überall dabei, entweder im Arm getragen oder hinter den Kindern hergewackelt, sie mochten hingehen, wo sie wollten. Mutter sah besorgt auf ihren Teppich, und schließlich schickte sie alle hinaus an die frische Frühlingsluft.
Dort machte Cristina mit ihrem neuen Fotoapparat Aufnahmen von Pippi: Pippi im Schoss, Pippi in der Hand, Pippi beim Kratzen, Pippi beim Fliegenfang, Pippi mutterseelenallein im Gras!
Pippi war alles recht, solange es nur gleich wieder auf, unter oder zwischen die Kinder krabbeln durfte.
Zur Schlafenszeit klappte der Karton zu, Pippi stimmte aus Leibeskräften sein Klagelied an, aber Vater blieb hart und der Karton ging nicht wieder auf.
Nun musste ernsthaft über Pippis Zukunft nachgedacht werden, und man beschloß, es Jim, dem Nachbarn draußen auf dem Lande, in Pflege zu geben. Cristina war ein bißchen traurig darüber, aber auch sie wollte natürlich, dass ihre Ente ein richtiges Entenleben haben sollte, mit einem Teich, vielen Kaulquappen, Algen und anderen Köstlichkeiten. Und Jim besaß einen solchen Teich.
Eine ganze Woche noch durfte sich Cristina um Pippi kümmern. Nachmittags, nach der Schule, führte sie es hinters Haus auf ein Blumenbeet, wo sie eine kleine Pfütze gegraben hatte, damit Pippi nach Entenart im Schlamm stochern konnte. Am Abend, wenn Cristina Schularbeiten machte, hockte Pippi in einer Falte ihres Pullovers und schlummerte. Sicherlich hat Cristina in jener Woche mehr über Enten gelernt als irgend etwas anderes.
Pippi ist nun schon sieben Wochen alt und zahmer denn je. Jim sagt, er könne nicht einen Schritt machen, ohne daß ihm Pippi auf dem Fuße folge. Vom Teich wolle es nichts wissen, und sein Futter suche es sich auch nicht selber zusammen. Es hat ein Zimmer in Jims Haus, wo es in zwei eleganten Kartons neben der Zentralheizung schläft. Es fährt im Auto mit und schaut sehr modern drein.
"Richtiges Entenleben?" Cristina weiß nicht so recht...
© 1985-2011 Bianca Hüsch