Die Brille (2)
Die Mutter mußte die meiste Zeit eine Brille tragen, denn sonst konnte sie nicht so genau sehen.
Wenn sie die Wohnung aufräumte, war ihr die Brille im Wege, so daß sie sie absetzte. Fühlte sie, daß ihre Augen müde wurden, wollte sie ihre Brille wieder haben. Dann konnte sie sich oft nicht mehr daran erinnern, wo sie sie hingelegt hatte, und sie mußte überall suchen.
Am liebsten ließ sich die Brille auf der Waschmaschine finden, oder im Brotkasten oder zwischen den Kochbüchern oder unter dem Bett oder im Wäschekorb, auch zwischen den Zahnbürsten oder auf einem Teller war sie schon mal gewesen.
Einmal aber half alles Suchen nichts. Wie oft sie die alten Lieblingsorte der Brille auch sorgfältig absuchen mochte und so nebenbei auf lauter schöne neue Plätzchen stieß – wie etwa Vaters Werkzeugkiste, den Backofen und die Einmachgläser – die Brille war weg.
Am gleichen Abend, als die Mutter die trockene Wäsche abnehmen ging, fand sie die Brille aber doch. Sie baumelte an der Leine neben dem Klammerbeutel.
„Ich bin verrückt,“ dachte die Mutter erfreut.
„Dir fehlen Vitamine,“ sagte der Vater.
© 1985-2011 Bianca Hüsch