Vater, der Menschenfresser (10)
Die Ofenuhr hatte geklingelt; die Mutter wetzte das grosse Messer, der Kater spitzte die Ohren und leckte sich erwartungsvoll das Maul.
Der Sonntagsbraten dampfte auf dem Hackbrett und die Mutter fing an, das Fleisch in nette Scheiben zu schneiden. Auch das kleinste Kind sollte diesmal keine Spur von Fett entdecken können.
Plötzlich schrie sie auf, stürzte zur Spüle und hielt eine Hand unter den fliessenden Wasserhahn. Sie war doch tatsächlich mit dem Messer ein wenig abgerutscht und hatte sich vom kleinsten Finger ein Stückchen abgesäbelt!
Die Kinder kamen gerannt, die Mutter zu bedauern und zu verbinden.
Als alle bei Tisch saßen, wurde dem Vater Mutters Unglück berichtet, und mit einem Blick zur Küche hin meinte Mutter: "Eigentlich müsste meine Fingerkuppe noch irgendwo auf dem Hackbrett herumliegen."
Vater erstarrte. Das Hackbrett war ganz und gar leer. "Das habe ich doch gerade abgeleckt!" jammerte er.
"Du hast mich eben zum Fressen gern," stellte Mutter fest.
© 1985-2011 Bianca Hüsch