Lose Blätter
Saturday, February 04, 2006
  Kräutermedizin (15)



Cristina entdeckte unter Bobbys rotbrauner Mähne eine Reihe schuppiger Pickelchen. Beim Striegeln gingen die Haare büschelweise aus.

"Meine Freundin sagt, Bobby hat Milben," erzählte sie am nächsten Tag nach der Schule. "Und Joker wird sie auch bald kriegen. Das kommt davon, wenn man Pferde vernachläßigt."

Vernachläßigt? Mutter schluckte. Grüne Wiesen, so weit das Auge reichte, saftige Bäumchen mit zartem Grün, Sträucher mit Knospen übersäht, mitunter auch mal eine Rose, heimlich aus Mutters Garten erhascht. Dazu ein Teich mit dem frischsten Wasser, vom kühlen Berg heruntergerieselt.

"Man kann sie nur mit DDT kurieren." Mutter erschrak. "So ein Gift kommt mir auf keine Pferdehaut!" rief sie aus.

Mutter und Tochter wälzten tierärztliche Werke und studierten die verschiedensten Behandlungsweisen. Cristina schrieb sich schließlich ein Rezept mit lateinischem Namen heraus, wahrend Mutter sich für die Kräuterheilkunde begeisterte.

"Das ist ja wahnsinning einfach", rief sie, "wir brauchen nur 2 Liter reinen Alkohol, 4 Hände voll Hollunderblätter, ein halbes Kilo zerstoßene Derriswurzel. Das Ganze lässt man 4 Tage ziehen - gut, wir haben ja noch zehn volle Tage bis wir die Pferde wieder sehen - und bewahrt es dann in einem großen Glasballon auf."

Das Gesetz verbot es dem Apotheker, reinen Alkohol zu verkaufen, der Drogist hatte keine Ahnung, wo man Derriswurzeln bekommen konnte, Hollunderblätter gab es um diese Jahreszeit nicht und ein großer Glasbehälter war viel zu teuer.

Darüber waren 2 Tage vergangen.

"Nun gut, machen wir eben die Knoblauchbrühe."

Cristina zweifelte daran, ob der Geruch je wieder aus dem Sattel herausgehen würde, und so blieb nur noch die Zitronenmedizin übrig.

Man mußte einen ganzen Haufen Schalen sammeln und in etwas heißem Wasser gären lassen, solange, bis sie schimmelig wurden. Das sollte eine Woche dauern.

Beim Markt wurden 3 Eimer voll Zitronen gekauft, und wer auch nur über das geringste Unwohlsein klagte, wie Müdigkeit, Appetitmangel, Husten und Halsschmerzen, Kopfweg oder gar Muskelkater, der bekam ein Glas herrlichen Zitronensafts verabreicht. Vater war der erste, dem schon sehr bald überhaupt nichts mehr fehlte.

Die Woche verging, aber die Medizin sah noch nicht fertig aus. Mutter sagte zu Cristina: "Ich fürchte, wir müssen diesmal noch das chemische Mittel besorgen.”

Cristina eilte, es in der Apotheke zu besorgen, dazu noch:

1 Flasche Eukalyptusöl (gegen Fliegen)
100g Rosmarintee (zur Pflege der Mähne)
1 Flasche Weinessig (für die Hufe)


Auf Mutters Zettel für die Gärtnerei aber stand:

1 Eukalyptusbaum
1 Tüte Rosmarinsamen
3 Weinstöcke
2 Zitronenbäume



© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
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Biancas Kindergeschichten sind ueber viele Jahre entstanden in Stunden der Muße. Viele Leser haben sie geschätzt - nicht nur die inzwischen erwachsenen Kinder. Denen sind diese losen Blätter immer noch lieb als Schnappschüsse aus der Kindheit... Die Autorin, inzwischen Grossmutter von fünf kleinen Enkeln in aller Welt, hat diese losen Blätter nun 'entstaubt' und mit einigen neuen Geschichten aus ihrem Alltag angereichert. Ihr Copyright besteht weiter.

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