Filet Wellington (5)
Die Mutter hatte im Laufe der Jahre gelernt, schnell und nützlich zu kochen. Die Kinder mochten ihr Essen recht gern, aber es kam auch vor, daß sie auf ihrem Teller lustlos herumstocherten oder doppelt so lange wie sonst brauchten, es aufzuessen. Manchmal auch schmeckte ihnen ein Gericht so gut, daß sich die Mutter wunderte.
Nun, da die Kinder nicht mehr ganz klein waren, glaubte die Mutter, daß es an der Zeit sei, richtig kochen zu lernen - genau nach Rezept. Sie besaß viele Kochbücher, denn der Vater liebte Bücher und jedesmal, wenn er fünf Bücher gekauft hatte, war bestimmt ein Kochbuch dabei, das dem Vater besonders gefallen hatte. Die Mutter schätzte eigentlich nur ein einziges Kochbuch, vielleicht weil es so dicke Seiten hatte, fast wie Löschpapier.
Eines Tages plante sie für den nächsten Sonntag einen Braten; er sollte in einem Mantel aus Teig stecken. Er sah wunderbar aus, als er auf dem Eßtisch thronte, und die Familie bewunderte die köstliche Kruste. Er hatte auch einen schönen Namen, nämlich "Filet Wellington".
Die Kinder fanden das Fleisch innen nicht ganz gar und aßen sich an der Kruste satt. Am nächsten Sonntag ließ die Mutter den Braten länger im Ofen; die Familie fand das Fleisch ein bißchen zu trocken. Aber die knusprige Kruste lobten sie in höchsten Tönen.
Für den nächsten Sonntag wählte die Mutter eine andere Sorte Fleisch. Die Kinder strahlten beim Anblick der knusprigen Kruste und pellten sie vorsichtig vom Braten ab, der kalt und fett auf ihren Tellern liegen blieb.
Für den nächsten Sonntag holte die Mutter mageres Fleisch ein, hüllte es wieder in Teig ein und ein neuer köstlich duftender Braten "Filet Wellington" entstand. Die Kruste war lecker, das Fleisch konnte man kaum entdecken, aber die Kinder fanden noch ein paar Spuren davon.
Am nächsten Sonntag gab es die doppelte Menge Fleisch, aber die Kruste reichte nicht ganz herum, und die Kinder machten lange Gesichter und sagten „Ooch“.
Die Mutter nahm sich nun noch eimal das Kochbuch vor und dachte: "Dieses Filet Wellington muß doch gelingen können." Sie kaufte das teuerste Filet und bereitete es ganz genau nach Rezept zu.
Die Kinder freuten sich über die knusprige braune Kruste. Der Vater brummte: "Na, wenn das Filet sein soll…"
Das älteste Kind meinte, Wellington bedeute Gummistiefel auf Englisch. Und über Filet Gummistiefel mussten alle lachen, dafür konnte die Mutter doch nichts.
"Kannst Du nicht das Fleisch weglassen?" fragte das kleinste Kind, das sich nichts aus Fleisch machte.
Die Mutter seufzte und dachte: "Es ist noch kein Koch vom Himmel gefallen." Aber sie dachte auch: "So eine verwöhnte Familie!"
Der Vater tröstete sie und sagte: "Es war eben nicht das richtige Fleisch – warte, bis wir unsere eigenen Rinder haben".
© 1985-2011 Bianca Hüsch