Der Sturm (7)
Das Haus sah immer noch wie eine Ruine aus. In den nächsten Ferien sollte endlich das Dach drauf kommen.
Die Kinder schliefen in ihrem Zelt, die Mutter hockte im Küchenzelt und lauschte auf ein Hörspiel im Radio, und der Vater machte sich auch jetzt noch - spät nachts bei hellem Mondschein - auf dem Bau zu schaffen, räumte Werkzeuge weg, legte die Wasserwaage an die Mauern und krauste wahrscheinlich hin und wieder die Stirn, wenn die Wände nicht ganz gerade schienen.
Das Hörspiel wurde gerade sehr spannend, als Mutter Rufe hörte. Sie achtete zuerst nicht weiter darauf, denn sie konnte doch jetzt unmöglich vom Radio weggehen, sie würde ja die beste Szene verpassen. Aber Vaters Stimme ließ nicht locker, wurde ungeduldig: "Komm, wir müssen die Kinder umbetten!" rief er. "Was soll denn das bedeuten?" dachte Mutter und fragte, um Zeit zu gewinnen: "Aber warum denn?"
"Ja siehst Du denn nicht, was für ein Sturm da heraufzieht?"
"Sturm?" wunderte sich die Mutter. Es war doch bloß der Abendwind. "Gleich, gleich!" rief sie ins Dunkel, "ich höre gerade ein Hörspiel, es ist gleich zu Ende."
"Du willst also lieber die Kinder vom Baum erschlagen lassen, Du Rabenmutter."
Das wollte Mutter nun aber doch nicht. Sie stürzte aus dem Küchenzelt. Vater stand auf der anderen Seite des Bauplatzes neben dem Kinderzelt und starrte zu einem riesigen Baum hoch, dessen breit ausladende Krone sich im Wind hin- und herwiegte.
"Hör mal, wie er ächzt und stöhnt, ich glaube, der Sturm wird ihn umlegen." Mutter lächelte blöde vor Unglauben.
"Meinst Du das im Ernst? Der Sturm ist doch nicht so schlimm." Ihre Einwände halfen nichts. Vater war felsenfest davon überzeugt, dass dieser Baum in dieser Nacht bei diesem Wind auf dieses Kinderzelt fallen würde. Die Kinder mußten mit ihrem ganzen Bettzeug in den VW-Bus umziehen, da, wo eigentlich die Eltern schliefen.
Und die Eltern lagen schließlich in einer Ecke des Neubaus, über sich die Sterne, unter sich den Beton, neben sich die Mücken. Die Mücken stachen, wo sie konnten. Mutter zog sich ein Laken über den Kopf und versuchte zu schlafen. Vater fing an zu jammern, denn die Mücken stachen ihn am meisten. Vermummte er sich vollkommen mit den Laken, so schwitzte er bald wie in einer Sauna und konnte es nicht aushalten. Kaum drehte sich Mutter ein bißchen, so entstand eine neue Lücke, und es dauerte eine Weile, bis die Laken und Tücher wieder gerichtet waren.
"Wackel doch nicht so," flehte Vater, "ich werde noch wahnsinnig.“
"Sollte der Baum wirklich fallen, fällt er direkt auf uns", wagte Mutter zu bemerken. „Wenigstens nicht auf die Kinder", brummte Vater.
"Ich halte es nicht aus, diese verdammten Mücken", brüllte Vater plötzlich. "Du kannst ja hier bleiben, wenn es Dir Spaß macht, ich gehe ins Auto. Vielleicht hast Du recht, der Baum wird wahrscheinlich nicht umfallen, der Wind hat sich jetzt gelegt."
Ehe die Mutter widersprechen konnte, hatte Vater die Kinder in ihr Zelt zurückgeschickt; Mutter sah nur ein paar weiße Laken durch die Nacht huschen.
Wohlig ausgestreckt im Auto warf Vater noch einen letzten Blick auf den alten, leise wedelnden Baum.
"Naja, hätte ja sein können", sagte er gähnend.
© 1985-2011 Bianca Hüsch