Lose Blätter
Saturday, February 04, 2006
  Der Rasen (20)
Als es das Pferd nicht mehr gab, konnte das Gras soviel wachsen, wie es wollte; nichts fraß es mehr ab. Der Vater meinte, das Gras würde lang sehr schön und auch ganz natürlich sein. Die Mutter mußte zugeben, dass es angenehm sein würde, mit nackten Füßen im weichen Gras zu gehen, aber was würde im Sommer sein? „Mach' dir keine Sorgen,“ sagte der Vater, „auch im Sommer wird es nicht gut wachsen.“

Der Frühling kam und die Wiese wurde ein samtener grüner Teppich. Als die Tage länger wurden und die Hitze zunahm, schickte das Gras lange Stengel mit winzigen Blüten aus, die an den Knöcheln kitzelten. Noch ein paar Wochen, und sie kratzten mit ihren trockenen Ähren an den Waden. Die Mutter dachte, daß es jetzt höchste Zeit für den Rasenmäher würde, bevor sich die Grassämchen über die Gemüsebeete ausschütteten.

Der Rasenmäher rollte über die Wiese, aber die zu derben Schnüren vertrockneten Stengel wichen aus und liessen sich nicht abschneiden. Im besten Fall wickelten sie sich um die Achse, was das Schieben des Rasenmähers sehr erschwerte.

„Das muß man ganz anders machen,“ sagte der Vater. „Laß mich mal meine Sense holen.“

Die alte Sense wurde entrostet und geschärft, Vater stieg in seinen Arbeitsanzug, setzte die Schutzbrille auf und den Helm mit Moskitonetz, streifte zuletzt seine Lederhandschuhe über und machte sich an die Arbeit.

Er holte mit Schwung aus, und langes Gras flog durch die Luft. Nach einer Stunde sagte er zu Mutter: „Siehst du, ganz einfach. Wenn man den Bogen einmal 'raus hat, ist es ein Kinderspiel – und so leise.“ „Du kannst ein Foto von mir machen,“ sagte er etwas außer Atem, wobei er sich auf die Sense stützte, die er mit zwei Fingern lässig festhielt. „Für die Zeitung. Damit man mal sieht, wie man's früher gemacht hat“. Mit stolz geschwellter Brust betrachtete er die Schneise, die er ins grasige Gebüsch geschlagen hatte. „Dann mußt du aber den Helm und die Brille absetzen, sonst erkennt man dich ja nicht.“ „Meinst du? Na, ein andermal.“

Jeden Tag mähte Vater, bis er vor Schweiß nicht mehr durch die Brille sehen konnte, und Mutter rechte das Heu zusammen und häufte es um die Obstbäume. Die Wiese bestand nur noch aus Stoppeln, die in die Fußsohlen stachen. Der Mutter kam dabei das Dorf ihrer Kindheit in den Sinn, wo alles so natürlich war.

Das Gras fing bald von neuem an zu wachsen, aber diesmal ratterte Mutter mit dem Rasenmäher über die Wiese, bevor es sich zu einer neuen Tracht Samen aufschwingen konnte, und nachdem Vater sich beim Wetzen der Sense in den Finger geschnitten hatte und der Wetzstein sich danach stundenlang versteckt hielt, griff auch er zum Rasenmäher.

Das Gras wuchs und wuchs, aus Hälmchen wurden Stengel und dann Stiele und dann Schnüre. Kaum war der Rasen auf der einen Seite kurz, mußte man schon wieder zur anderen Seite hetzen, und es kamen ihnen Zweifel, ob sie die Arbeit schaffen würden. Beim nächsten Einkauf in der Stadt erkundigten sie sich nach motorisierten Rasenmähern. „Wie laut sind sie,“ war ständig Mutters erste Frage, und man schaute sie immer äußerst verwundert an. Solche Fragen wurden sonst nicht gestellt.

Sie teilten sich die Wiese und den Rasenmäher, aber weil Vater schlecht aufhören konnte, wenn er einmal so richtig in Fahrt war, und es ihm sichtlich Spaß machte, aus dem Stoppelfeld eine sanfte Wiese zu zaubern, wurde ein zweiter Handrasenmäher angeschafft, damit jeder nach seiner Art mähen konnte: Der Vater ab und zu, aber dann unermüdlich, die Mutter hie und da ein bißchen - nicht genug, denn schon bald reckten sich lange Stengelchen empor, an denen feine Samen schaukelten. Der Mutter kamen sie wie lauter winkende Händchen vor, die ihr zuriefen: „Mäh' mich – nein, mich!“.

Der Vater sah's sich an und fragte: „Sense?“ „Oh ja, bitte,“ rief die Mutter und rannte ins Haus. „Ich hol' auch den Fotoapparat.“ „Ach, laß nur,“ sagte der Vater und griff sich die Sense. Wenig später mähte die Mutter mühelos ihren Teil der Wiese und dachte:“ Geht eigentlich ganz gut.“ Trotzdem freute sie sich zum erstenmal in ihrem Leben auf den Winter – wenn das Gras endlich anhalten würde.


© 1985-2011 Bianca Hüsch
 
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Biancas Kindergeschichten sind ueber viele Jahre entstanden in Stunden der Muße. Viele Leser haben sie geschätzt - nicht nur die inzwischen erwachsenen Kinder. Denen sind diese losen Blätter immer noch lieb als Schnappschüsse aus der Kindheit... Die Autorin, inzwischen Grossmutter von fünf kleinen Enkeln in aller Welt, hat diese losen Blätter nun 'entstaubt' und mit einigen neuen Geschichten aus ihrem Alltag angereichert. Ihr Copyright besteht weiter.

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