Mäuse (11)
Als Vater einmal das Zelt aufräumte, bemerkte er ein Loch im Hafersack, aus dem Cristina gelegentlich einen Eimer voll für ihr Pferd abfüllte. Er wollte gerade ein paar alte Pappkartons hinauswerfen, als er erschrocken zurückwich: Im untersten wimmelte es vor Mäusen! "Etzel!" brüllte er, "Komm, komm!"
Etzel war der Hauskater, der auf allen Ausflügen dabei war und sich im Augenblick wahrscheinlich in einem hohlen Baumstamm von der Familie erholte.
Die Mäuse flitzten um Vaters Beine in alle Richtungen davon, ein paar schossen unter das Werkzeugregal und ein paar unter den Traktor. Mindestens vier blieben in den dunklen Schachteln zurück; ihre langen dünnen Schwänze verrieten sie.
"Etzel!" brüllte Vater begeistert. "Da - da – da", Vaters wohlbekannter Lockruf, den der Kater zu schätzen wußte. Von irgendwoher tauchte er plötzlich auf, nicht gerade eilig, und schaute Vater aufmerksam an.
"Nun komm doch schon her, riechst du denn die Mäuse nicht? Hier sind sie doch!" Und er zeigte auf die Kartons, wo es raschelte und scharrte. Etzel tastete sich lautlos heran, krümmte sich dann zu einem schönen Buckel und lehnte sich schnurrend an Vaters Beine.
"Da sind sie doch! Da - da – daaa!" Vater schubste ihn unsanft gegen die Kartons. Unwillig schüttelte sich Etzel und leckte sich nun erst mal sein Fell wieder glatt.
Doch, er sah wohl die Mäuschen. Sie erinnerten ihn an das niedliche Nachbarskätzchen zuhause, das immer mit seinen Ohren spielte, sobald er sich zu einem Mittagsschläfchen auf die heiße Steintreppe hingeworfen hatte. Vater raufte sich die Haare. "Hat die Welt schon mal so eine Katze gesehen! Verschmäht Mäuse. Für was hält man sich das Tier eigentlich. Geh mir aus den Augen!" Eine Zeitlang trieb sich Etzel noch im Zelt herum, vielleicht aus Höflichkeit. Dann verschwand er.
Vater hatte keine rechte Lust, die Kartons anzufassen, und so blieben sie im Zelt.
Auf seinem abendlichen Rundgang beleuchtete er sie kurz und - ja, wer ist denn das? Etzel?? Etzel steckte im untersten Karton, in den er sich bestimmt nicht ohne einige Mühe hineingezwängt hatte, denn von Natur aus war er dreimal so viel wie das bisschen Katzenfell, das Vater im Halbdunkel ausmachen konnte. Sein Kopf, auf der oberen Kante abgestützt, muss im tiefen Schlaf langsam heruntergerutscht sein und berührte jetzt, an langem Halse baumelnd, fast den Boden, was seinen Schnurrbart in ein heftiges Zittern versetzte. Neben ihm knisperte und knabberte es.
"Hat er oder hat er nicht?" dachte Vater laut. "Ich fürchte, nicht."
Als Gianna, die ihn begleitet hatte, das hörte, rief sie zärtlich: "Guter Junge, Etzel!"
Vater warf ihr einen strengen Blick zu.
© 1985-2011 Bianca Hüsch