Lose Blätter
Wednesday, October 11, 2006
  Kuh-Geschenke (1)
Wieder war es soweit: Sie würden das Wochenende aufs Land fahren. Vater würde am Haus weiterbauen, Mutter würde ihre sieben Beete gießen, der Sohn unter freiem Himmel Schularbeiten machen, und die Töchter würden Nachbars Pferd füttern, sich einen Sonnenbrand holen und vielleicht Äste sammeln. Fur diese gab Mutter nämlich pro Stück einen Cent. Und sie brauchte eine Menge Äste für ihren Gartenzaun.

Nach langer Fahrt angekommen, begaben sich die Kinder gleich in ihr Zelt, um mit der Taschenlampe nach Spinnen zu leuchten, besonders unter ihren Betten. Vater machte seine Runde auf dem Bauplatz, während Mutter erst mal zu schlafen gedachte. Sie wollte den Anblick ihres Gärtleins in aller Morgenfrühe genießen, wenn der Tau auf dem zarten Grün der vielen Pflänzchen funkeln würde.

"Mensch, hier müssen Kühe gewesen sein!" hörte sie Vater rufen. "Stehen die Mauern noch?" fragte Mutter in die Nacht hinaus.

"Welche Mauern?" Vaters Stimme kam - aus dem Garten. "Sie haben alles abgefressen, sogar die Artischocke!"

Mutter erstarrte. Sicherlich stark übertrieben. Sie stürzte zum Garten. Im klaren Licht des Vollmondes war kein Zweifel möglich: Der Garten war eine einzige Wüste. Wohin sie schaute, nur geknickte Strünke und welkes Gestrüpp. Was die Kühe übersehen hatten, war in tiefe Löcher gestampft worden.

"Na wartet, ich esse nie wieder Rindfleisch!" schrie Mutter über den Zaun, da wo wahrscheinlich die Kühe schliefen. Sie war lange Zeit sehr wütend und dachte nur Grimmiges.

"Arme Mami," sagten die Kinder, "und du hast dir solche Mühe gegeben."

Am nächsten Morgen reparierte der Sohn die Löcher im Zaun und Mutter stürzte sich mit neuen Mut in den Garten, grub, hackte und glättete, pflanzte, harkte und goß, bis die Familie fast verhungert war; das Mittagessen hatte die Mutter ganz vergessen. Niemand aber nahm's übel, freuten sich doch alle über ihre wachsende gute Laune.

Als aber später jemand in einen Kuhfladen trat und Mutter erfuhr, daß überall welche herumlagen, konnte sie schon wieder lachen. Die Kinder bekamen den Auftrag, das ganze Grundstück nach Kuhfladen abzusuchen, und bald schwoll der Komposthaufen zu einem stattlichen Hügel an.

"Wirklich anständig, mir solche Geschenke zu machen," meinte Mutter und dachte fast ein bißchen zärtlich an die Kühe.

"Komische Geschenke," sagten die Kinder und rümpften die Nase.

© 1985-2011 Bianca Hüsch
¶ 8:54 PM 0 comments
 
Comments:
CARIOCA
If hoffe daß diese e-mail Ihnen ereichen wird; obwohl es scheint mir daß, es schoen eine lange Zeit seit Ihrer letzten Blog-Eintragung (Anmeldung?) gibt – 2007; hoffentlich es Ihnen ganz gut geht!

Vergeben Sie bitte aber meine sehr arme Deutsche kenntinnisse, als es gibt viele Jahre seit die laetzte Mal wenn ich auf Deutch schreiben versucht habe... :-)

Ich habe ihnen gefunden weil wir die einzigen Männer in Blogspot sind, die haben wählten SCHUBERT SYMPHONIEN unter dem Abschnitt „Lieblings Musik“

Außerdem, ich gleich aufmerksam darauf machte, daß Ihre Web-Namen CARIOCA ist; deswegen, weil ich in Rio de Janeiro geboren war - obwohl ich diese schoene Stadt fast 30 Jahre verließ habe (und jetzt in New York City wohne), ich habe gedacht daß vieleicht eine ätherischer „Anschlüsse“ zwischen uns bestehen koehnen…

Schließlich, ich war in Australien fuer ein paar Monaten am Ende 2001 (nach 9/11) - Ich war in Melbourne und Sydney.

Deswegen befehlte ich - oder hatte ich die Gefuel - daß ich Sie schreiben Mußte

Natuerlich, ich Spreche und schreibe am besten auf Englisch, Franzoesisch, und Portugisisch...

Mit freundlichen grueßen
Augustus
 
hallo Augustus,

ich habe schon einige male versucht, auf Ihre messages zu antworten, aber das scheint nicht zu klappen!

Pls leave your e-mail address and I'll try again...

Carioca
 
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Biancas Kindergeschichten sind ueber viele Jahre entstanden in Stunden der Muße. Viele Leser haben sie geschätzt - nicht nur die inzwischen erwachsenen Kinder. Denen sind diese losen Blätter immer noch lieb als Schnappschüsse aus der Kindheit... Die Autorin, inzwischen Grossmutter von fünf kleinen Enkeln in aller Welt, hat diese losen Blätter nun 'entstaubt' und mit einigen neuen Geschichten aus ihrem Alltag angereichert. Ihr Copyright besteht weiter.

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